Familienbett!?

Kennt ihr das? Man erhält eine kleine Information über einen Menschen und schon entsteht ein Bild vor Augen. Und nicht nur das, man versieht dieses Bild auch gleich mit einem Label wie „Gut“ oder „Schlecht“.

Mir erging es jeden Tag auf der Arbeit als Bankkaufmann so. Eine Überweisung oder eine Abbuchung reichte manchmal, um ein Bild vor Augen zu haben, um eine Schublade zu öffnen und diesen Menschen dort einzusortieren. Das klingt verwerflich, davon kann ich mich aber leider nicht frei machen. Es erleichtert den Alltag und passiert meist sogar unterbewusst.

Eine solche Information, die bei Anderen stets zu einer ähnlichen Reaktion führt, ist:

„Wir haben ein Familienbett!“

Vielleicht hat es bei dir ja auch gereicht, um sofort ein Bild von uns zu formen!?

Wenn es einmal nicht so war, lag es meist daran, dass sich diejenigen unter dem Begriff noch nichts vorstellen konnten.

Mit der anstehenden Geburt unserer ersten Tochter haben wir natürlich auch angefangen, ein Kinderzimmer einzurichten. Mit den entsprechenden Möbeln, die einfach dazugehören: Schrank, Kommode, Wickeltisch, das eine oder andere Regal und natürlich auch ein Bett. Nie haben wir in Frage gestellt, ob wir letzteres überhaupt brauchen.
In der ersten Zeit nach der Geburt hat unsere Älteste zunächst in unserem Bett geschlafen – umgeben von einem Stillkissen. Bereits diese Entscheidung rief schnell wissende Stimmen herbei, welche behaupteten, dass man bereits ab dem ersten Tag das Kinde alleine im eigenen Zimmer unterbringen sollte. Oder dass wir es ersticken werden…
Nach ein paar Wochen ist sie dann umgezogen – ein paar Zentimeter weiter in das Babybay.

Wir stellten dann allerdings schnell fest, dass unsere Tochter einen sehr leichten Schlaf hatte. Ein kleinstes Geräusch reichte aus, um sie aufzuwecken. Wir konnten uns noch so sehr bemühen den Weg der Ninjas zu beschreiten – es kam einfach zu häufig vor, dass wir sie in ihrem Schlaf unterbrochen haben. Das löste bei uns den Versuch aus, sie im eigenen Zimmer unterzubringen. Zugegebenermaßen hielt uns bisher Bequemlichkeit davon ab. Es ist doch um ein Vielfaches leichter, die Bedürfnisse des Babys zu befriedigen, wenn es eine Armlänge entfernt liegt.
Und was sollen wir sagen: Es funktionierte. Sie schlief besser, da sie nun nicht mehr durch jedes Husten geweckt wurde.

Der Wendepunkt kam dann etwas später. Unsere Tochter fragte immer wieder, ob sie bei uns im Bett schlafen darf. Wir hatten da wohl noch immer die Stimmen im Hinterkopf, die uns eingeredet haben, dass es unabdingbar sei, das Kind in seinem eigenen Bett schlafen zu lassen. Wir verneinten, einen guten Grund dafür konnten wir ihr (und uns) dafür jedoch nicht liefern. Sie war dann ein paar Tage krank, durfte bei uns im Bett schlafen („Ausnahmsweise!“). Als sie gesund war, sollte sie zurück.

„Warum? Ich find‘ das sooo toll, bei euch zu schlafen!“

Und tatsächlich gab es eigentlich keinen richtigen Grund mehr. Inzwischen konnte sie selbst Lärm nicht mehr aufwecken. Warum sollten wir sie also ins eigene Zimmer verweisen?

Wir haben unsere Ansicht dann noch einmal überdacht. Haben das erste Mal vom Begriff „Familienbett“ gehört, Anleitungen und tolle Bilder gefunden. Und entgegen aller Unkenrufe aus dem Bekanntenkreis auf unser Herz gehört und den Bohrer in die Hand genommen.
Diese Entscheidung ist nun knapp ein Jahr her. Und wir können definitiv sagen, dass es eine der wichtigsten und besten Entscheidungen war, die wir getroffen haben.

Die Beziehung zu unserer Tochter ist deutlich enger geworden. Sie geht viel lieber und besser ins Bett, freut sich, wenn wir später am Abend zu ihr kommen (wenn sie es denn mitbekommt). Wir wachen gemeinsam mit ihr auf, können die ganze Nacht kuscheln und bieten ihr viel mehr Liebe und Geborgenheit als zuvor. Auch für unsere Tochter war klar, dass ihr eigenes Bett nun erst einmal Vergangenheit war. Und für uns gibt es nichts schöneres als ihren Anblick, wenn sie mit ihren Kuscheltieren zwischen uns liegt und leise atmet.

Es fühlt sich einfach richtig an. Und wir haben nun, nach fast 4 Jahren mit Kind, vor allem folgende Erfahrung gemacht: Die besten Entscheidungen sind die, die sich gut anfühlen, die dem entsprechen, was unser Herz uns sagt. Bis heute gibt es nicht einen Tag, an dem wir gedacht haben: Ach, hätten wir doch unser eigenes, kinderfreies Bett. Warum auch?

Das „Warum“ liefern gerne diejenigen auch ungefragt, die sofort negativ auf das Thema reagieren.

„Die bekommt ihr nie mehr aus eurem Bett raus!“

„Was hat ein Kind im Elternbett zu suchen?“

„Adieu, Sexleben!“

Ich schätze, dass gut drei Viertel der Personen in unserem Umkreis unsere Entscheidung verurteilen. Warum sich jedoch andere Personen darüber echauffieren, ist mir bis heute nicht klar – betrifft es sie doch in keiner Weise. Sie müssen ja nicht mit ihr in dem Bett schlafen. Ich werde diese Frage noch einmal in einem späteren Beitrag behandeln, denn ähnliche Reaktionen gibt es bei fast allen Themen. Ich kann nur sagen, dass mich bisher noch kein einziges Argument überzeugt hat, diesen Weg nicht zu gehen.

Fordern wir nun also jeden auf, das Bett des Kindes zu verkaufen und es in das „Elternbett“ ziehen zu lassen?
Absolut nein. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich nicht alle Eltern wohl damit fühlen, das Kind neben sich schlafen zu lassen. Dass das eigene Bett ein Rückzugsort für die Eltern ist, dass sie dort eine kinderfreie Zeit genießen.

Wozu ich allerdings ermutigen möchte ist, die eigenen Motive zu überdenken. Warum trifft man bestimmte Entscheidungen? Viele Entscheidungen werden uns heutzutage abgenommen. Die Gesellschaft oder das Umfeld gibt bestimmte Strukturen und Verhaltensweisen vor, an denen man sich orientiert. Oftmals erhascht man böse Blicke, wenn man von dieser Norm abweicht. So wird häufig gar nicht mehr nachgedacht sondern nur noch nachgemacht. Ohne zu ergründen, ob es wirklich das ist, was das eigene Gefühl einem sagt. Man will ja nicht anecken.

Fragt euch selbst oder fragt sogar eure Kinder, ob es nicht vielleicht viel schöner ist, gemeinsam Arm in Arm einzuschlafen, Liebe zu spüren, die Wärme des Anderen. Und ob nicht nur Gründe dagegensprechen, die eigentlich keine sind, weil sie einfach nur ein Ausdruck der Norm sind, die in einer Leistungsgesellschaft entstanden ist. Probiert es eine Zeit lang aus, vielleicht wird auch bei euch das Band zwischen Eltern und Kind noch fester.

 

 

5 Gedanken zu “Familienbett!?

  1. Eine schöne Beschreibung.

    Als Mutter, die inzwischen (meistens) mit drei Kindern und einem Mann auf drei Matratzen schläft, kenne ich die Thematik natürlich gut.

    Lustigerweise bin ich dennoch eine derjenigen gewesen, die euch geraten hat, es damals, als die große Maus so schlecht schlief, zu versuchen, sie ins eigene Bett zu legen. Es schien in dem Moment einfach das richtige zu sein.
    Trotzdem bin ich große Freundin des familienbettes, wie ihr wisst, und möchte gerne meine Antworten auf die Einwände mit einbringen:

    „Die bekommt ihr nie wieder raus“
    – „Hmm… Stimmt, es könnte eng werden, wenn sie ihren ersten Freund hat, vielleicht sollten wir dann noch eine zusätzliche Matratze anbauen, damit er auch noch reinpasst “

    „Was hat ein Kind im Elternbett zu suchen?“
    – „Im Elternbett? Keine Ahnung. Aber unsere finden im Familien(!)-Bett Geborgenheit, Nähe und guten, tiefen Schlaf“

    „Adieu Sexleben“
    – „Hmm? Adieu Spießigkeit! Hallo Couch, Teppich, Küchentresen und diverse andere Stellen! „

    • Vielen Dank für den Kommentar!
      Ich hätte tatsächlich nicht mehr gewusst, dass du das gesagt hast. Es war zu dem Zeitpunkt tatsächlich das richtige und es hat ja auch funktioniert. Man muss halt immer schauen, was die aktuelle Situation erfordert.
      Deine Antworten auf die Einwände sind super, genauso denken wir auch. Wie so oft sind solche spontanen Einwände sehr gehaltlos – insbesondere wenn sich der Mensch gegenüber latent angegriffen fühlt. Dann nimmt man das erstbeste Argument und haut es raus…

  2. Interessant wird es, wenn Kind Nr 2 auch ins Familienbett kommt.
    Das war am Anfang echt n bisschen anstrengend und aufregend.
    Wir haben dann einfach ein Bett in unser Schlafzimmer gestellt, damit Wilhelmina weiterhin bei uns ist. Eingeschlafen wird im Familienbett und morgens darf sie kuscheln kommen.
    Kritische Stimmen gab es bei uns eigentlich nicht 🙂

    • Oh ja, darauf sind wir auch gespannt. Das wird die Zukunft zeigen. Wir haben schon sowas gehört wie: „Ich habe keine Lust, dass sie immer heult!“
      Das Kinderzimmer ist noch voll eingerichtet – ebenso sind wir flexibel für alle anderen Lösungen. Aber das werden wir ja in spätestens drei Wochen selbst erleben… 🙂

  3. Kind Nummer 2 ging noch, fand ich. 2 Kinder, 2 Arme.

    Wenn sie nun alle kuschelbedürftig sind, kuschelt die älteste Kröte an meinem Bein

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