Unsere Tochter bleibt zu Hause – Teil 1

IMG_5657Kita-frei durchs Kleinkindalter – Teil 1

Seitdem wir bekannt gegeben haben, dass wir schwanger sind, gibt es für andere Menschen offenbar immer wieder Themen, die wie ein rotes Tuch wirken.
Eines dieser Themen, welches die heftigsten Reaktionen auslöst, ist, dass wir unsere Tochter bewusst nicht in einer Kita (U3-Betreuung) und bisher auch in keinem Kindergarten (ab 3 Jahren) betreuen lassen.

Im Beitrag über unser Mehrgenerationenhaus haben wir unsere Wohnsituation etwas genauer dargestellt. Uns ist bewusst, dass es wenige Menschen gibt, die in einer ähnlichen Situation leben oder leben können. Wir haben uns jedoch bewusst im Hinblick auf die Familienplanung dazu entschieden, zurück ins Elternhaus zu ziehen. Dieser Entschluss macht einen großen Teil unserer Erziehung und unserer gesamten Lebenssituation aus, insofern widmen wir diesem Punkt auch einen eigenen Artikel.

Nachdem unsere jüngste Tochter geboren wurde, sah unsere Welt wie folgt aus: Meine Frau war im Wochenbett zu Hause, ich habe einige Wochen Urlaub genommen. Ich wusste bereits, dass ich im August, also wenn unsere Tochter 9 Monate alt sein wird, meine Ausbildung beginnen werde. Meine Frau hat in dieser Zeit ein Jobangebot von ihrer Chefin erhalten, welches sie annehmen wollte. Für sie bedeutete das: eine 75%-Stelle ab dem 6. Lebensmonat. Wir haben dann zusammen besprochen, wie wir das realisieren können. Ich habe dann einen Monat vor Arbeitsbeginn meiner Frau Elternzeit begonnen, bis zum Beginn meiner Ausbildung.

Meine Frau hat die Möglichkeit, den größten Teil der Zeit von zu Hause zu arbeiten, wusste aber bereits, dass sie nicht arbeiten können wird, wenn sie gleichzeitig auf unsere Tochter aufpassen muss. Ich selbst war dann ja auch in der Ausbildung, hatte also auch nicht viel Zeit. Aber sind ja bereits auf diesen Fall vorbereitet gewesen: Wir wussten, dass meine Mutter bereit sein wird, die Betreuung unserer Tochter zu übernehmen. Und genau diesen Plan haben wir dann auch umgesetzt.

Von außen kam dann schnell die Frage, warum wir sie nicht einfach in eine Kita geben. Es wirkte beinahe so, als müsse man sich rechtfertigen. Im Kollegen- und Bekanntenkreis gab es natürlich auch einige Eltern, bei denen schon von vornherein klar war, dass nach spätestens einem Jahr das Kind in Fremdbetreuung kommt.

2013-10-27Und auch hier können wir nur antworten, wie wir häufig antworten: Eine Fremdbetreuung ist nicht das, was unserem Herzenswunsch entspricht. Wir haben einfach kein gutes Gefühl dabei. Wir haben in einer Kita fast keine Kontrolle darüber, was mit unserem Kind passiert. Und vor allem gehen wir davon aus, dass kein Kind der Welt es sich wünscht, seiner Familie entrissen (ich wähle bewusst dieses harte Wort, nachdem ich in meiner Zeit als Zivildienstleistender in einem Kindergarten jede Menge Trennungsszenarien erlebt habe) zu werden, nur damit Mama und Papa arbeiten können. Zumindest nicht in einer Familie, wie wir sie leben. Nicht umsonst gibt es teilweise wochenlange „Eingewöhnungszeiten“. Diese Zeit ist vor allem dafür da, die Bindung, die bisher zu den Eltern besteht, teilweise aufzulösen und neue Bindungen zu den neuen Menschen (die man in der Regel nicht kennt) aufzubauen. Mir erscheint der Begriff „Abgewöhnungszeit“ da passender.

Zurecht könnte man uns hier jetzt vorwerfen, dass ein Handeln rein nach Gefühl keine Substanz hat. Dass wir keine Vor- und Nachteile bedenken, dass es keine wissenschaftliche Grundlage gibt. Mein damaliger Dozent der Sozialwissenschaften sagte immer: „Das ist Omma!“, wenn jemand nach Gefühl handelt und das nicht wissenschaftlich begründen konnte. Seid euch sicher, dass wir keine unserer Entscheidungen allein aus dem Bauch heraus entscheiden. Auch wenn es sich an vielen Stellen so liest, als wenn wir einfach unserem Herzen folgen und kein Konzept haben – wir haben für fast alle Entscheidungen viel Literatur gewälzt und das Für und Wider besprochen. Ein Blog ist jedoch keine wissenschaftliche Arbeit, soll auch nicht zu einer werden.

Ich habe vor allem festgestellt, dass man sich seiner Veranlagung, sowieso kaum entziehen kann. Wir wollten es auch gar nicht.
Ein Beispiel hierfür, auf welches ich nicht näher eingehen will ist: „Schreien lassen“. Und wenn es noch so viele Meinungen gibt, die uns gesagt hätten, dass das zielführend sei – wir hätten es niemals tun können, weil es nicht unserer Natur, unserer Einstellung dem Kind gegenüber, entspricht. Andere Menschen mögen eine andere Einstellung haben. Das verurteile ich in keiner Weise, ganz im Gegenteil. Denn es ist gerade in Grenzsituationen beinahe unmöglich, ein Erziehungskonzept durchzusetzen, mit dem man sich selbst nicht identifizieren kann. Hinter dem man nicht mit dem Herzen steht und voller Überzeugung sagen kann, warum man jetzt dies und jenes macht. Was jedoch jedem Menschen möglich ist, ist sich mit allen Fragen der Erziehung aktiv auseinanderzusetzen. Zu hinterfragen, nachzufragen, sich Informationen zu besorgen. Und sich nicht von anderen Menschen diese Entscheidungen abnehmen zu lassen. Es muss nicht immer richtig sein, was jemand aus dem Bekanntenkreis einem rät. Blind und taub gut gemeinte Ratschläge anzunehmen um es sich einfacher zu machen ist meiner Meinung nach nicht immer der richtige Weg. Sollte man nach reiflicher Überlegung dann eine Entscheidung getroffen haben, ist das völlig in Ordnung – selbst wenn Andere sich daran stoßen. Selbstredend nur, solange es nicht das Kindeswohl gefährdet.

1 Gedanke zu “Unsere Tochter bleibt zu Hause – Teil 1

  1. Als eine der Mütter aus dem Kollegen- und Bekanntenkreis, deren Kind aus beruflichen Gründen bereits mit acht Monaten bei der Tagesmutter war (und ich sage bewusst nicht: „fremdbetreut“, denn fremd war unsere Tagesmutter zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr), melde ich mich jetzt auch mal zu Wort. 😉
    Ich finde es toll, wenn es für euch so klappt. In unserem Fall hätten weder meine Mutter noch meine Schwiegermutter das dauerhaft leisten wollen/können. Der „Große“ (= T1) liebt seine Omas und spielt gern mit ihnen, bleibt promblemlos auch über Nacht dort … etc.
    Dennoch bin ich froh, dass wir unsere Tagesmutter hatten, bei der T1 die ersten Monate einzelbetreut wie ein vierter Sohn mit ihren eigenen Kindern aufwachsen und dann mit einem Jahr Kontakt zu Gleichaltrigen knüpfen konnte. Noch heute fühlt er sich dort total wohl und spielt gern mit den anderen „von früher“, obwohl sie inzwischen in verschiedenen Kitas sind und sich nur sehr selten sehen.
    Das war perfekter Luxus und so taten wir uns wirklich schwer mit unserer Entscheidung, T1 doch hier an meinem neuen Arbeits- und damit ja erzwungenenermaßen unser aller Wohnort in die Kita zu geben.
    Doch auch das lief ohne Probleme ab. Weder im einen noch im anderen Fall gab es großen „Eingewöhnungsherzschmerz“. Unsere Bindung hat nicht darunter gelitten und ich hoffe, das mein Kind noch viele weitere Bindungen in der Welt aufbauen wird, auch ohne die intensive erste Bindung zu uns als seinen Eltern zu verlieren.
    Die „Brüllarien“ kamen später. Wenn er am Tag vorher von einem anderen Kind geärgert worden war, wenn er kränkelte, wenn er vorher beim Arzt war, als sein Bruder geboren wurde …
    Manchmal habe ich ihn dann wieder mit nach Hause genommen, manchmal ließen die Umstände es nicht zu. Aus meiner eigenen Kindheit weiß ich, wie schrecklich ich es fand, meine Mama gehen zu sehen, aber wie gerne ich im Kindergarten war. Deshalb hatten wir am Ende ein selbstentwickeltes Abschiedsritual, mit dem es gut funktionierte. Bei T1 ist es jetzt genauso.
    Ich halte mich da an den Satz einer befreundeten Pädagogin: „Wenn er beim Abholen traurig ist, DANN hat er ein Problem in der Kita.“
    Natürlich ist auch bei uns nicht alles Sonnenschein. Kurz vor der Geburt unseres zweiten Sohnes (=T2) dachte ich darüber nach, T1 die Gruppe wechseln zu lassen oder ihn sogar aus der Kita abzumelden. Inzwischen bin ich froh, dass ich es nicht getan habe, denn er ist an den Herausforderungen gewachsen. Ich kann eindeutig sagen: Mein Kind liebt und braucht die Kita! Die Dinge, die es dort an/mit anderen Kindern gelernt hat, kann ihm keine noch so liebevolle Einzelbetreuung geben und spätestens in der Schule muss es sich ohne mich in einem Gruppengefüge zurecht finden und vielfach selbstständig agieren.
    Deshalb bin ich zwar etwas wehmütig, wenn das Jahr Elternzeit mit dem Kleinen endet, aber ich weiß, dass auch er bei „seiner“ Erzieherin, die inzwischen auch eine Freundin außerhalb der Kitazusammenhänge ist, eine tolle Zeit haben wird. Er liebt andere Kinder schon jetzt und ist äußerst ärgerlich, wenn ich ihn dort „wegnehme“. Da die Kita das Berliner Modell benutzt, hat mein Mann sich einen Monat Elternzeit zur Eingewöhnung genommen, obwohl wir relativ sicher sind, dass wir ihn nicht brauchen würden.
    Ich habe T1 bereits viele Dinge abgewöhnt: die Brust/Flasche, den Schnuller, die Windel uvm. Die Liebe zu seinen Eltern und das Gefühl der Geborgenheit gehören eindeutig nicht dazu. Das sehe ich jeden Tag, wenn wir knuddeln und wir uns gegenseitig sagen, wie lieb wir uns haben. Für uns war es der richtige Weg, weil wir Menschen hatten, dennen wir vertrauen und denen wir unser Kind anvertrauen konnten, obwohl sie nicht mit uns verwandt sind. Wenn das bei euch nicht der Fall ist, dann macht es anders. Wenn es sich für euch nach „Entreißen“ anfühlt, ist es gut, dass ihr es nicht tut. Bei uns fühlt es sich nach Wachsen und einem bittersüßen Gefühl von Abschied und Großwerden an. Mein „Omma“ sagt mir, dass wir das Richtige tun. Wäre es anders, würde ich sofort etwas ändern.

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