Home, sweet home!

Unser Mehrgenerationenhaus

Als ich 10 Jahre alt war, war es völlig normal: Ich wohne noch bei Mama.

Als ich 20 Jahre alt war, war ich stolz: Ich wohne nicht mehr bei Mama.

Als ich 30 Jahre alt war, sagte ich: Ich wohne wieder bei Mama.

Ich muss zugeben, anfangs habe ich mich für die letzte Aussage sogar ein wenig geschämt. Habe diese Information absichtlich zurückgehalten oder nur in einem Nebensatz versteckt. Ich hatte das Gefühl, damit Unselbständigkeit zu signalisieren: Ich bekomme es nicht hin, alleine zu leben.

Erzähle ich anderen von unserem Konzept, ernte ich vor allem Kopfschütteln.

„Da hätte ich ja keinen Bock drauf!“
„Wie kann man nur freiwillig wieder zu seiner Mutter ziehen!?“

Ich bin anfangs sofort in die Verteidigungshaltung gesprungen, habe mich gerechtfertigt und war vielleicht selbst unsicher. Insbesondere weil unsere Tochter in dieser Zeit noch nicht geboren war, der Grund für unsere Entscheidung also noch gar nicht vorhanden war.

Heute bin ich stolz darauf, dass es uns gelungen ist, dieses Konzept zu einem Erfolgsmodell zu verwandeln. Und weil das auch ein Punkt ist, welcher uns zu einem großen Teil ausmacht, möchte ich ihn an dieser Stelle präsentieren.

Im Jahr 2011 habe ich gemeinsam mit meiner jetzigen Frau zusammen in Kiel gelebt. Wir lebten zu zweit in einer schönen Wohnung, wir waren in der Endphase unseres Studiums. Wir mochten jedoch die Stadt und vor allem unsere Wohngegend nicht sonderlich – Lübeck gefiel uns einfach deutlich besser. Zumal wir dort auch Familie und Freunde hatten. Ein Kind, das war uns klar, wollten wir hier nicht großziehen.

Es war zu dieser Zeit, als sich meine Eltern nach einem neuen Haus umgeschaut haben. Und bereits zu diesem Zeitpunkt bestand die Überlegung, gemeinsam ein Haus zu beziehen. Nach langer Suche fanden sie dann ein Haus, das es ihnen angetan hat – das war aber zu groß für nur eine Familie. Wir haben uns also zusammengesetzt, das Für und Wider besprochen und abschließend zugestimmt, später nachzuziehen.
Das Haus war renovierungsbedürftig. Dunkle Kacheln an den Wänden, wenig Licht, ungünstige Raumaufteilung. Nur mit viel Vorstellungskraft wurde aus diesem Haus eines, welches man gerne bewohnen möchte. Aber die war vorhanden, ebenso das handwerkliche Geschick um die notwendigen Arbeiten durchzuführen.

Das untere Stockwerk war zunächst fast unbewohnbar, da hier die meisten Umbauarbeiten vorgenommen werden mussten. Nur mein Bruder bewohnte dort ein Zimmer, während meine Eltern das obere Stockwerk als Basisstation genutzt haben. Viel Schweiß und viele Hammerschwünge später sind meine Eltern dann nach unten gezogen – und wir haben unsere Umzugskartons im oberen Stockwerk ausgepackt. Das sollte nun also der Ort sein, an dem wir unsere Familie gründen sollen. Ungewohnt war es schon, vor allem aber ungewiss. Zunächst einmal wussten wir ja gar nicht, ob die Familienplanung so schnell klappt, wie wir es uns gewünscht hatten. Vielleicht scheitert unser gesamter Plan ja auch daran. Doch wir hatten Glück – bereits im dritten Zyklus wurde uns dieser Herzenswunsch erfüllt.

Schon während der Schwangerschaft haben wir die Vorteile des Zusammenlebens genossen. Wenn der Bauch runder wird und die Beine schwerer, ist es eine enorme Erleichterung, wenn einem der Einkauf abgenommen wird. Oder wenn eine Wäsche aufgehängt wird. Oder man nicht kochen muss, weil das Essen gemeinsam eingenommen wird. Oder, oder, oder…

Der größte Vorteil ist dann natürlich nach der Geburt entstanden. Schon vom ersten Tag an haben wir eine großartige Unterstützung erhalten. Ich habe mehrere Wochen Urlaub genommen, konnte also zunächst zu Hause bleiben. Dennoch waren wir in der ersten Zeit mit vielen Dingen einfach überfordert. Meine Mutter hat nicht nur mich und meinen Bruder aufgezogen, sie hat darüber hinaus viele Jahre als Erzieherin gearbeitet. Da ist der eine oder andere kleine Tipp Gold gewesen. Antonia ist nach der Geburt leider erkrankt, sodass sie mehrere Tage „out of order“ war. Auch in dieser Zeit war es für mich unheimlich wichtig zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Selbst wenn ich diese Hilfe nicht in Anspruch nehmen musste, es gab uns beiden ein Gefühl der Sicherheit. Und wer einmal völlig am Ende mit seinem Kind war und einfach nicht wusste, wie es weitergeht, weiß zu schätzen, dass es jemanden gibt, der einem unter die Arme greift.

Nach den ersten Wochen kam dann das Jobangebot für Antonia. Die Chefin meiner Frau fragte, ob sie an einem Projekt teilnehmen möchte. Das würde allerdings bereits dann beginnen, wenn unsere Tochter erst fünf Monate alt ist. Für diese Zeit hatte ich dann Elternzeit genommen, ein paar Monate später sollte meine Ausbildung beginnen. Für uns war diese Situation jedoch kein Problem. In der ersten Zeit war ich also mit meiner Tochter unten, bei meiner Mutter. Vormittags haben wir dann zunächst gemeinsam die Betreuung übernommen. Wir waren uns sicher, dass eine alleinige Betreuung durch meine Mutter möglich ist, denn durch das Zusammenleben konnten wir sofort die dafür notwendige Bindung aufbauen. Für unsere Tochter war meine Mutter nie eine Fremde.

Und genau das macht das Mehrgenerationenhaus so besonders. Es ist nicht einfach ein Haus, in dem zwei verschiedene Familien wohnen. Nein, man lebt zusammen, ist füreinander da, hilft sich und profitiert voneinander. Es ist bei vielen Gerichten egal, ob man für 2 oder 4 Personen kocht. Einige Möbel lassen sich nur mit mehreren Personen verschieben. Wichtige Entscheidungen können in einer großen Runde besprochen werden. Man teilt sich Haustechnik, Gartenmöbel und Telefonanschluss. Und man ist vor allem füreinander da. Unsere Tochter profitiert von den Annehmlichkeiten von einer großen Familie („Wenn Mama und Papa ‚Nein!‘ sagen, frage ich Oma und Opa!“). Ist jemand krank, springen andere ein. Fällt ein Auto aus, steht ein anderes parat.

Friede, Freude, Eierkuchen den ganzen Tag? Nein, nicht immer. Wir alle haben am Anfang Angst davor gehabt, sich abhängig zu machen voneinander. Man vermischt Familienverhältnis mit Mietverhältnis. Wenn wir uns streiten, ist der Streit umso schlimmer, da man sich schlechter entziehen kann. Auch bekommen alle alles mit, es gibt keine Geheimnisse.
Diese Nachteile kann ich nicht von der Hand weisen, sie sind existent. Auch wir haben schon Grenzsituationen erlebt, in denen ein familiärer Streit dazu geführt hat, dass man sich in seiner eigenen Wohnung unwohl gefühlt hat.

Jedoch schweißt dieses Konzept auch unheimlich zusammen. Wir allen können es uns nicht mehr anders vorstellen. Wenn man sich verkracht, verträgt man sich wieder. Und auch wenn das mal passiert: in den restlichen 360 Tagen im Jahr genießen wir das Zusammenleben in vollen Zügen. Die Vorteile überwiegen für uns enorm. Ein Babysitter 10 Meter entfernt, wer hat das schon. Das Babyphone reicht durch das gesamte Haus, oftmals geht es ja nur darum, da zu sein, wenn was ist. Und unsere Tochter wundert sich nicht, wenn ihr Oma oder ihr Opa plötzlich am Bett steht, obwohl wir sie ins Bett gebracht haben. Die Bedenken, die wir anfangs hatten, sind weitaus geringer, als wir sie uns vorgestellt haben. Die Entscheidung haben wir nie bereut und auch für die Erziehung ist sie ein entscheidender Faktor gewesen, da mehr als „nur“ Mama und Papa als Bezugspersonen vorhanden sind.