Stoffwindeln – Into the Jungle

IMG_0828Stoffwindeln sind eine Wissenschaft für sich – oder können zumindest zu einer werden. Nachdem mein Mann und ich den Entschluss gefasst hatten, unsere zweite Tochter mit Stoffys zu wickeln, begann unsere Reise – oder besser gesagt Odyssee – durch den Stoffwindeldschungel. Mir war ehrlich gesagt vorher überhaupt nicht klar, dass es eine solch große Vielfalt und Auswahl unterschiedlicher Stoffwickelsysteme gibt. Und wie das immer so ist: Eine große Vielfalt bietet viele Vorteile, allerdings geht damit einher auch der sogenannte „Zwang zur Häresie“, also die Tatsache, dass man sich irgendwann für irgendetwas entscheiden muss (auch wenn es keine Entscheidung auf Lebenszeit ist). Recherche kann die Entscheidungsfindung erleichtern – zugleich aber auch verzögern und erschweren. Auf jeden Fall aber hilft sie, individuelle Entscheidungen zu begründen.

Da ich am Anfang meiner zweiten Schwangerschaft einige Probleme hatte und 6 Wochen strikt liegen musste, habe ich diese Zeit genutzt, um mir einen Überblick in der Stoffwindelszene zu verschaffen. Und ich muss sagen:

Es war ein bißchen wie eine Reise in ein unentdecktes Land, mit fremder Sprache. Am Anfang habe ich überhaupt nichts verstanden.

Besonders das Abkürzungssystem der unbekannten Begriffe machte mir zu schaffen. Aber da ich als Theologin es ja gewohnt bin, mir fremde Sprachen anzueignen, die nicht unbedingt in jedem Teil der Welt genutzt werden (Latein, Hebräisch, Alt-Griechisch), sagte ich mir nur: „Challenge accepted!“

Und so fertigte ich mir ein paar Vokabelkärtchen an. Hier mal ein kleiner Einblick:

WWW = Wegwerfwindeln

AIO = All in One Windel (Quasi das Stoffpendant zur WWW, Komplettwindel)

AI2 = All in Two (Stoffwindel aus zwei Teilen: Außenschicht und Saugschicht)

AI3 = All in Three (Stoffwindel aus drei Teilen: Außenwindel, Innenwindel, Saugeinlage)

SIO  = Snap in One (die einzelnen Windelteile können durch „Snaps“ zusammengeknüpft werden)

Höwi  = Höschenwindel (komplett saugende Windel, benötigt Nässeschutz nach Außen)

ÜH  = Überhose (die wasserdichte Außenschicht einer Windel, z.B. aus Wolle oder PUL)

PUL = Polyurethane Laminate (Wasserundurchlässiger Windelaußenstoff)

Pockets = (Komplettwindeln, welche eine Öffnung / Tasche haben, in die unterschiedliche Saugeinlagen gestopft werden können)

Mulli = Mullwindel (wie zu Omas und Opas Zeiten)

(Strick-)Bindewindeln / Italienische Windeln = Ebenfalls ein eher klassisches Modell. Wird mit Bändern ums Kind gebunden – die Passgröße kann sehr gut variiert werden.

Prefolds / Kalifornische Windeln = eine Systemwindel (ein Stück Stoff, meist mit Faltnähten/Teilungsnähten, können als Einlage in einer Pocket oder ÜH verwendet werden – oder aber auch als Windel ums Kind gefaltet werden und mit einer Klammer fixiert werden)

Snappi = Windelklammer (die moderne „Sicherheitsnadel“ zum Zusammenhalten von Mullis oder Prefolds)

OS = Onesize (Einheitsgröße)

NB = Newborn (Größe für Neugeborene)

Das sollte als kleiner Einblick in die „Stoffwindelsprache“ genügen. Und nun die Frage: Welche Stoffwindeln soll ich denn nun nutzen? Nach monatelanger Recherchearbeit kann ich sagen, dass man im Prinzip erst einmal drei Grundfragen für sich beantworten sollte:

1.) Welches System möchte ich nutzen (also z.B. AIO, AI3, etc.)

2.) Welche Materialien sollen an den Allerwertesten meines Kindes?

3.) Welche Marke bietet mir das?

Und damit wären wir wieder am Anfang meines Beitrags. Stoffwindeln können zur Wissenschaft werden:

  • Denn jedes System bietet unterschiedliche Vor- und Nachteile (wenig Wäsche, viel Wäsche – einfach anzulegen, komplizierter anzulegen …).
  • Ebenso besitzen die unterschiedlichen Saugmaterialien ganz differente Eigenschaften. So saugt zum Beispiel Mikrofaser sehr schnell, kann aber die Feuchtigkeit überhaupt nicht halten. Hanf hingegen saugt eher langsamer, speichert aber hervorragend (obwohl die Meinungen da auch auseinander gehen).
  • Darüber hinaus gestaltet sich auch das Waschen von Stoffys nicht einheitlich (welches Waschmittel ist geeignet? / Enzyme, gefährlich oder nicht? …).
  • Man muss sich auch Gedanken darüber machen, wie man gebrauchte Stoffwindeln lagert (Wetbag? Vorher auswaschen?).
  • Windelvlies (= quasi „Toilettenpapier“ für die Windel, welches das Gröbste auffängt und dann entsorgt werden kann) – Ja, oder Nein?

Diese Liste könnte ebenfalls fortgeführt werden. Im Netz gibt es auch schon zahlreiche Übersichten zu diesen Punkten.

IMG_0829Meinem Mann und mir waren bei der Entscheidungsfindung folgende Punkte wichtig:

  • Wenig Wäsche
  • Natürliche Stoffe (möglichst Bioqualität)
  • Hohe Individualität und Variabilität der Saugmaterialien
  • Einheitlichkeit (nur ein System, für Tag und Nacht)
  • Einfache Handhabung
  • Möglichst Onesize bzw. mitwachsende Windeln

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben uns für das AI3 System der Windelmanufaktur (WMW=Windelmanufakturwindeln) entschieden.

IMG_0832Unsere Windeln bestehen also aus einer schön anzuschauenden Außenwindel (AW), welche Form und Halt gibt und aus Baumwolle besteht, einer wasserdichten Innenwindel (IW), welche in die Außenwindel geknüpft wird und aus Merinowolle gefertigt ist und diese Innenwindeln können ganz nach Belieben mit unterschiedlichen Einlagen gefüllt werden.
Allerdings führte unsere ausgiebige Recherche dazu, dass wir gerne selbst bestimmen wollten, aus welchen Stoffen unsere Einlagen gemacht werden bzw. welche Formate diese haben. Und so machte mein wunderbarer Mann den Vorschlag:

„Wir nähen unsere Einlagen selbst!“

Ich bin immer noch hin und weg, dass er als anfänglich noch größerer Skeptiker, diese Idee hatte. Zumal ich im Nähen total untalentiert bin… Und so wurde unser gemeinsames Projekt Stoffwindeln ins Leben gerufen. Mehr dazu, gibt es im nächsten Artikel!

Kommentar verfassen