Buchrezension: Leitwölfe sein

20160908_080308Weck den Leitwolf bzw. die Leitwölfin in Dir!

Jesper Juul hat es wieder getan: Der dänische Familienexperte hat ein Buch geschrieben. Und ich habe es erneut gelesen. Das, was mir an Juuls Arbeiten am besten gefällt, empfinde ich zugleich auch als die größte Schwierigkeit: Juul bietet Rat suchenden Eltern in seinen Büchern keine konkreten Methoden zur Erziehung von Kindern:

„Es gibt kein Patentrezept, wenn es um menschliche Beziehungen geht […]. Am Ende entscheiden Sie. Wir leben in einer Welt, in der es nicht nur möglich geworden ist, persönliche Entscheidungen zu treffen – es ist auch notwendig geworden!“ (S. 18)

Juul beschreibt vielmehr eine grundsätzliche Haltung zum Kind und zur eigenen Person. Eine solche lässt sich jedoch schwer erlernen bzw. per Knopfdruck erzeugen. Genauer gesagt, gelangt man zu ähnlichen Haltungen durch einen dynamischen und immer fortwährenden Prozess, der geprägt ist durch die ständige Begegnung und den Dialog mit sich selbst, den eigenen Kindern und anderen Menschen. Methoden hingegen, stellen aus Juuls Sicht eine „Entmenschlichung persönlicher Beziehungen dar“ und eignen sich nicht für die Gestaltung einer Beziehung zu Menschen, die wir lieben:

„Selbst so sympathische Methoden wie das Attachment Parenting (auch bindungsorientierte Elternschaft genannt) haben die Tendenz, mehr Nachteile als Vorteile mit sich zu bringen, wenn man sie anwendet. Sie konzentrieren sich auf ein paar wichtige Phänomene und lassen die Persönlichkeit von Eltern und Kindern fast vollkommen außer Acht.“ (S. 183-184)

Ich gebe jedoch gerne und offen zu, dass ich mir schon in so manchen Situationen ein „Patentrezept“ gewünscht habe und es auch verzweifelt gesucht habe. Insofern schätze ich Jesper Juul sehr, aber fühle mich nach der Lektüre seiner Werke manchmal auch ein wenig unzufrieden (was selbstredend an meiner persönlichen Ungeduld liegt).

Doch nun konkret zu seinem neuen Werk: Juul nutzt das Motiv der Leitwölfe, um den Fokus auf eine grundlegende pädagogische Erkenntnis zu lenken:

„Kinder brauchen Führung durch Erwachsene.“ (S. 10)

Zu diesem Thema gibt es, laut Juul, keine Diskussionen – Erziehungswissenschaftler*innen und Pädagog*innen streiten zwar über vieles, über diese Prämisse jedoch nicht. Kinder sind zwar kompetent, besitzen aber wenig Erfahrung und sind somit auf Führung angewiesen. In diesem Buch thematisiert Juul nun die Frage nach dem elterlichen Führungsstil, welche er schon im Vorwort beantwortet:

„Es geht darum, seine Kinder kennenzulernen, sich diesen gegenüber respektvoll zu verhalten und mit seinen Kindern so authentisch wie möglich umzugehen.“ (S. 11)

Immerhin bemerkt Juul selbst, dass diese Antwort zugleich einfach und schwierig ist bzw. alles oder nichts heißen kann. Im weiteren Verlauf seines Buches illustriert Juul jedoch an zahlreichen Beispielen, was er darunter versteht. Das Fundament elterlicher Führung im Familienhaus besteht in diesem Sinne aus vier Persönlichkeitsmerkmalen. Leitwölf*innen sind:

  • Proaktiv – sie handeln auf der Grundlage ihrer eigenen Werte und Ziele
  • Empathisch – sie nehmen andere Menschen wirklich wahr
  • Flexibel – nicht immer „konsequent“, sondern Veränderungen berücksichtigend
  • Fürsorglich und dialogbasiert – Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle des Kindes werden ernst genommen (auch wenn sie den eigenen entgegen gesetzt sind)

Der Dachstuhl des Familienhauses besteht aus vier Werten, welche elterliche Führung schaffen:

Gleichwürdigkeit: Ist nicht gleichzusetzen mit Gleichheit – Gleichwürdigkeit bedeutet, dass ich mein Gegenüber genauso ernst nehme, wie mich selbst, in einer „Subjekt-Subjekt-Beziehung“ mit gleicher Würde auf beiden Seiten.

Integrität:

„Persönliche Integrität besteht aus den persönlichen Grenzen, Werten und Gefühlen jedes einzelnen Menschen. Dem Recht auf Ruhe, wenn wir erschöpft sind. Dem Recht zu lieben und aufmerksam zu sein, wenn wir dies wollen. Dem Recht, Nein zu sagen. Dem Recht, für unsere Werte einzustehen und zu kämpfen. Dem Recht, zu weinen, wenn wir traurig sind, und zu schreien, wenn wir wütend sind. Dem Recht unsere Träume und Sehnsüchte zu erfüllen.“ (S. 87)

Authentizität: „Wer bin ich eigentlich? Was meine ich eigentlich? Was will ich eigentlich?“ – Unterstützt die Entwicklung des Selbstwertgefühls, was die Voraussetzung für jede Liebesbeziehung ist. Dies meint auch sich nicht auf die Autorität einer Rolle, z.B. Lehrer*in zurückziehen, sondern mit der eigenen Persönlichkeit zu überzeugen.

Persönliche Verantwortung: Solange unsere Kinder bei uns leben, sind wir zu 100% verantwortlich für ihre Entwicklung. Verantwortung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Schuld.

So viel zunächst einmal zu Jesper Juuls Tugendenkatalog. Was mir daran besonders gefällt, ist der Begriff der Gleichwürdigkeit (der in meinen Augen sehr theologisch konnotiert ist). Da dieser zum einen davon ausgeht, dass wir Menschen alle dieselbe Würde in uns tragen. Zum anderen werden aber trotzdem die unterschiedlichen Machtverhältnisse in der Eltern-Kind-Beziehung nicht ausgeblendet:

„Bei der Elternschaft gehen Macht, und Verantwortung Hand in Hand. Die Macht zu manipulieren – was alle Eltern machen, ob sie nun wollen, oder nicht -, ist aufs Engste mit ihrer Verantwortung verbunden, die Entwicklung des Selbstwertgefühls nicht zu behindern, oder zu zerstören.“ (S. 127-128)

Mein Fazit also: Jesper Juul macht es uns nicht einfach, aber das kann er ja auch gar nicht! Durch die Lektüre seines Buches wurde ich nicht automatisch zur Leitwölfin – die Wege dorthin erscheinen mir nun aber deutlicher erkennbar. Viele Denkprozesse wurden angestoßen und machen sich in ganz unterschiedlichen alltäglichen Situationen bemerkbar. Jesper Juul ist einfach ein klasse Impulsgeber, der trotz all seiner Erfahrungen mit den (angehenden) Leitwölf*innen Nachsicht übt:

„Die allerbesten Eltern, die ich kenne, machen jeden Tag etwa zwanzig Fehler, und wenn Ihr persönlicher Durchschnitt nicht über dreißig liegt, bleiben Sie locker und vergeben Sie sich selbst.“ (S. 201)

Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie, Verlagsgruppe Beltz, Weinheim 2016, 216 S.

Affiliate-Link:

 

 

Kommentar verfassen