Geburt und Schalom (Teil 3) – HypnoBirthing als Geburtsbegleiterin

wanne„Die Uhr tickt. Dieselbe Uhr und derselbe Ort wie vor fast vier Jahren. Nur diesmal achte ich nicht auf die Zeit. Ich bin vollkommen bei mir und meiner Tochter – die ich heute noch gebären werde. Alles ist anders. Ich schwimme von Welle zu Welle, hochkonzentriert. Das warme Wasser der Wanne, der wohlbekannte Duft des Geburtsöls und die sanfte Musik schaffen eine wohlige Atmosphäre. Mein Mann ist immer an meiner Seite und begleitet mich durch jede Phase der Geburt. Ich spüre den Schmerz deutlich – aber dieses Mal nicht in Verzweiflung, sondern in Geborgenheit und Zuversicht.“

Ich hatte es eigentlich nicht für möglich gehalten. Trotz der intensiven Vorbereitung durch HypnoBirthing, habe ich rückblickend eigentlich nicht daran geglaubt, dass ICH eine friedliche, selbstbestimmte Geburt erleben werde. Ein klassisches Theolog*innen Problem :

„Ich glaube. Hilfe meinem Unglauben!“

Und ich wurde eines Besseren belehrt. Ich habe unser zweites Kind genauso geboren , wie ich es mir gewünscht habe – in Frieden.

Dabei ist mir vor allem bewusst geworden, dass Geburt ein Gemeinschaftsprozess ist. Zunächst denke ich an die Gemeinschaft zwischen:

  • Geist und Körper,
  • werdender Mutter und ungeborenem Kind,
  • gebärender Frau und Geburtsbegleiter*innen.

Die Gemeinschaft erstreckt sich für mich auch über den Kreißsaal hinaus: Da ist meine HypnoBirthing – Kursleiterin, die mich so intensiv im Vorfeld auf die Geburt eingestimmt hat. Da ist meine ganze Familie und meine Freunde, die an mich denken und mitfiebern. Und – da spricht jetzt die Theologin in mir – Geburt lässt mich auch die Gemeinschaft zwischen Schöpfer und Geschöpf intensiv spüren:

Geburt ist eine existentielle Erfahrung. Man ist dem Ursprung des Seins so nah, wie sonst vielleicht nie.

Soviel zu meinen „geburtsphilosophischen“ Gedanken. Nun möchte ich aber noch ganz konkret berichten, wie mir HypnoBirthing geholfen hat, unsere zweite Tochter friedlich zu gebären.

Manchmal ist es gar nicht so leicht, den Beginn der Geburt zu bestimmen. Bei mir war es jedenfalls so, dass ich früh morgens gegen 5 Uhr aufgewacht bin, da ich ein seltsames Ziehen im Bauch verspürt habe. Ich war ziemlich überrascht davon, denn es fühlte sich nicht an, als ob es Wehen wären. Bei meiner ersten Tochter haben sich auch die Anfangswehen sofort sehr schmerzhaft angefühlt. Wie Krämpfe, die immer schlimmer wurden, ohne Pausen. Dieses Mal spürte ich einen sanften, dumpfen Druck – der rhythmisch wiederkehrte. Ich war mir absolut nicht sicher, ob dies jetzt der Beginn der Geburt sein würde – oder erneute Übungswehen. Eigentlich hatte Minimuck ja noch ein paar Tage Zeit bis zum ET und die letzte Untersuchung (zwei Tage zuvor) ergab, dass Minimuck voraussichtlich noch lange in meinem Bauch weiter wohnen wollte. Außerdem stand noch etwas sehr Wichtiges auf meiner Agenda: Ich wollte unbedingt noch vor der Geburt ein wichtiges Kapitel meiner Doktorarbeit bei meiner Doktormutter abgeben. Auf Geburt war ICH noch gar nicht eingestellt.

So begab ich mich früh morgens an meinen Schreibtisch und schrieb drauf los. Allerdings musste ich immer wieder Pausen einlegen, um den Druck in meinem Bauch zu veratmen. Ich nutze dazu die so genannte „Ballonatmung“. Dies ist eine HypnoBirthing Atemtechnik, die unter Wehen bzw. Wellen angewendet werden soll. Ich war mir zwar nicht sicher, ob es Wehen waren – dachte mir aber, dass es nicht schaden könnte (ich hatte ja auch schon viel geübt). Immer wenn ich spürte, dass der Druck sich wieder aufbaute, atmete ich langsam ganz tief ein und visualisierte dabei einen Ballon, den ich in meinem Bauch aufpustete, sodass die ringförmige Gebärmuttermuskulatur sich leichter öffnen könnte. Schmerzen verspürte ich keine – aber ich merkte, dass ich unbedingt so weiteratmen sollte.

Als ich mein Kapitel dann endlich abgeschlossen und weggeschickt hatte, wurde dieses Druckgefühl immer regelmäßiger. Nun war mein Kopf frei und ich „gewährte“ meinem Körper die Geburt einzuleiten bzw. fortzusetzen. Ich wurde mir immer sicherer, dass es sich wohl doch um Geburtswehen handeln müsse – auch, wenn sie sich nicht so anfühlten, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich ging zu meinem Mann und meiner Tochter und sagte ihnen, dass es sein könnte, dass die Geburt begonnen hatte. Er sagte, dass er sich das nicht vorstellen könnte…

Als uns sehr gute Freunde an diesem heißen Septemberwochenende (32 Grad!) noch zum Strand einluden, lehnte ich instinktiv ab. Ich hatte zwar eine Wassergeburt geplant – allerdings nicht in der Ostsee 🙂

Nachmittags bekamen wir dann schließlich alle Gewissheit. Während ich wieder meinen imaginären Ballon während einer Wehe aufblies, machte es plötzlich „Peng“ (zumindest hörte ich dies innerlich): Meine Fruchtblase war geplatzt. Nun wussten wir, dass die Geburt ganz sicher im Gang war. Ich blieb erstaunlich ruhig, weil mir die Atmung unheimlich half. Allerdings wurde das Druckgefühl nun schon ziemlich intensiv und auch ein wenig unangenehm. Wir machten uns also auf den Weg ins Krankenhaus, welches mindestens 20 Fahrtminuten entfernt war. Muckel war ganz aufgeregt und wurde noch schnell bei Oma in unserem Mehrgenerationenhaus untergebracht.

An die Autofahrt kann ich mich nicht gut erinnern. Eigentlich kann ich mich an ziemlich viele Dinge nicht erinnern, da ich so konzentriert geatmet habe und fokussiert war auf meine inneren Bilder. Die Abständer der Wellen wurden immer geringer. Und ich empfand es immer anstrengender „richtig“ zu atmen. Als wir im Kreißsaal angekommen waren, empfing uns eine freundliche Hebamme. Sie sagte mir ihren Namen – aber auch daran erinnere ich mich leider nicht. Ich war nun doch ein wenig aufgeregt – vor allem weil ich mir auch nicht sicher war, ob sich das Krankenhauspersonal an meine Wünsche halten würde. Ich hatte nämlich im Vorfeld während der Hebammensprechstunde einen „Geburtsplan“ abgegeben. Diesen hatte ich gemeinsam mit meiner HypnoBirthing Kursleiterin und meinem Mann erarbeitet. Darauf standen zum Beispiel Dinge wie:

  • Eine Wassergeburt in der Geburtswanne wird angestrebt.
  • Ich möchte keinen intravenösen Zugang routinemäßig gelegt bekommen (das tut weh!).
  • Ich möchte mich frei bewegen, möglichst selten untersucht werden und nicht ständig am CTG hängen.
  • Ich möchte in Ruhe gebären, mit Musik, Duftöl und möglichst wenig Störungen durch Außen.
  • Ich möchte selbstbestimmt gebären – wenn ich Hilfe brauche, werde ich darum bitten.
  • etc.

Die diensthabende Hebamme hatte meinen Plan wirklich gelesen. Sie schloss mich nur kurz ans CTG an und untersuchte mich, um einzuschätzen, wie weit die Geburt fortgeschritten war. Dann lächelte sie mich an und sagte: „Sie werden heute Ihr zweites Kind gebären!“. Daraufhin fragte sie mich, ob ich nicht zunächst in die Entspannungswanne möchte, da es für die Gebärwanne noch ein wenig zu früh sei. Ich willigte ein, da ich mir ein wenig Linderung von dem warmen Wasser erhoffte. Mittlerweile wurden die Wehen dann doch ein wenig schmerzhaft. So stieg ich ins warme Wasser, während mein Mann mir meine Musik anmachte und die Duftlampe entzündete. Das Licht war angenehm gedämpft. Die Hebamme zog sich zurück und ließ uns allein.

In der Entspannungswanne verlor ich schließlich jegliches Zeitgefühl. Es gab nur noch Wellen und die Zeit dazwischen. Ich sprach kaum. Wenn sich eine Welle ankündigte, trommelte ich mit meinen Fingern auf den Wannenrand, um meinem Mann zu signalisieren, dass wieder eine Welle im Anmarsch war. Das warme Wasser war sehr angenehm. Dennoch wurden die Wellen sehr intensiv und so langsam reichte es nicht mehr, einen Ballon zu atmen. Während einer Welle wünschte ich mir nur noch, dass sie bald zu Ende geht. In den Pausen war ich jedoch vollkommen schmerzfrei und darauf konnte ich mich verlassen. Dies führte dazu, dass ich sogar einmal herzlich lachen musste, als mein Mann mir etwas Witziges erzählte (das wäre bei der ersten Geburt undenkbar gewesen).

Ganz plötzlich verlagerte sich der Druck und nun auch der Schmerz eine Etage nach unten. Zwischen zwei Wellen wechselte ich (ziemlich ungeschickt) die Wanne. Leider ging mir das Wasser in der Gebärwanne nur bis zu den Knien. Das empfand ich ich als ziemlich unangenehm. Und ich hatte Schwierigkeiten eine geeignete Position zu finden. Die Schmerzen wurden schlimmer und die Ballonatmung funktionierte nicht mehr. Ich wusste, dass ich jetzt in der Endphase der Geburt angelangt sein musste. Das erkannte ich auch daran, dass jetzt der diensthabende Gynäkologe die Szenerie betrat. Da es ja ein Wochenende war, kam leider nicht meine Frauenärztin (die gleichzeitig Belegärztin ist), sondern ein anderer Arzt. Ich kannte ihn schon von der ersten Geburt („What are the odds?!“). Er steht in dem Ruf schnell und gerne einen Kaiserschnitt durchzuführen und mit allen Mitteln der modernen Medizin „nachzuhelfen“ bzw. Geburten zu beschleunigen. Er setzte sich in den Schaukelstuhl neben der Gebärwanne und beobachtete mich eine Weile. Panik stieg in mir auf. Ich sagte nichts, sondern begann still vor mich hin zu leiden und irgendwie die Wellen zu überstehen. Die HypnoBirthing Atemtechnik für die medizinisch sogenannte „Austreibungsphase“ (was für ein schreckliches Wort – es passt eher zu einem Exorzismus) beschreibt ein „imaginäres J“, welches kräftig nach unten geatmet werden soll. Das habe ich aber irgendwie so gar nicht hinbekommen und mich verließ der Mut. Dann kam auch noch eine zweite Hebamme herein: Schichtwechsel…

Ich hätte auch gerne einen Schichtwechsel gehabt. Meine Kräfte neigten sich dem Ende zu und meine Zuversicht schwand so langsam. Die neue Hebamme war ziemlich jung und ich bezweifelte, dass sie mir helfen könnte. Plötzlich sagte der Arzt:

„Diese Frau hat keine Wehen. Wir sollten etwas nachhelfen mit einem Wehentropf.“

Nun passierte etwas wirklich Grandioses: Die beiden Hebammen, die noch im Schichtwechsel inbegriffen waren, legten dem Frauenarzt jeweils einen Arm auf die Schulter und schoben ihn förmlich aus dem Kreißsaal mit den Worten: „Geh Du in Ruhe einen Kaffee trinken. Wenn Du wiederkommst, wird das Kind da sein.“

Und dann waren wir wieder unter uns. Die Aussicht in einer Kaffeelänge mein Kind in den Armen zu halten, schien zu schön um wahr zu sein. Ich konnte es nicht glauben. Langsam begann sich Verzweiflung in mir breit zu machen. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte nicht mehr. Hilfesuchend blickte ich in das Gesicht der jungen Hebamme. Sie schaute mir direkt in die Augen und sagte:

 „Antonia, es gibt jetzt absolut keine Möglichkeit mehr, Dir zu helfen. Denn: Dein Kind ist quasi schon da! Fühl doch mal!“

Und ich fühlte – das Köpfchen. Das gab mir den Kick. Jetzt war ich zuversichtlich.  Nur leider verspürte ich während der Wehen keinen expliziten Drang zu schieben. Es tat einfach nur sehr weh. Dies sagte ich meiner Hebamme. Sie forderte mich daraufhin auf: „Dann schiebe in die Richtung wo der Schmerz am größten ist!“

Damit konnte ich etwas anfangen. Und schob ich während der nächsten Welle mit all meiner Kraft dem Schmerz entgegen. Ein Gefühl wie 10.000 Nadelstiche auf einmal. Definitiv nicht angenehm. Definitiv nicht schmerzfrei. Doch dann sah ich sie. Sie glitt ganz friedlich in das warme Wasser – das ihr wohlbekannte Element. Ich sah sie und war sofort verliebt. Freude, Liebe, Glück, Erleichterung, Stolz, Entzücken – so viele Gefühle durchströmten mich zeitgleich.

Ein wenig ehrfürchtig staunte ich: Das, was ICH nicht für möglich gehalten hatte, war geschehen. Ich habe meinen Frieden – meinen Schalom – bei der Geburt meiner zweiten Tochter gefunden.

2 Gedanken zu “Geburt und Schalom (Teil 3) – HypnoBirthing als Geburtsbegleiterin

  1. …und abends erhielten wir die Nachricht: „sorry, wir waren mit einer Geburt beschäftigt!“
    Toller Bericht, das hört sich in der Tat sehr friedlich an!

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