Vom Fluch oder Segen, plötzlich eine große Schwester zu sein

Im September des Jahres 2016 ereilte uns das zweite Mal das größte Glück, was einem auf Erden zuteil werden kann. Unsere Tochter erblickte das Licht der Welt, nach einer Geburt, wie man sie sich nur wünschen kann. Plötzlich waren wir zu viert. Auf einmal war das Einzelkind eine große Schwester. Das stellte natürlich nicht nur unser Leben als Eltern noch einmal gewaltig auf den Kopf, sondern auch das der großen Schwester.

Zugegebenermaßen, wir hatten Angst davor, wie Muckel (ihren Babynamen wurde sie bisher noch nicht los) diese Veränderung erleben wird. Plötzlich muss man sich die Aufmerksamkeit der Eltern teilen. Nein, viel schlimmer, man bekommt sogar weniger als 50% der Zeit, die man vorher bekommen hat. Schließlich können die Eltern nicht warten, wenn das Baby schreit. Wie vermutlich die meisten Eltern haben wir im Vorfeld einiges gelesen, wie mit dieser Situation umzugehen ist. Man liest dann viele Tipps, die ich hier gar nicht alle aufzuzählen vermag. Liest sich manchmal recht leicht. Einige versprechen sogar, es gäbe eine Erleichterung. Ganz ehrlich: diese Meinung kann ich bisher nicht teilen.

Wir hatten also einen Schlachtplan. Integration der großen Tochter, ihr Aufgaben geben, welche gut zu meistern sind, ihr vieles erklären. Schon während der Schwangerschaft hat sie viele Bücher gelesen, was es bedeutet, ein Geschwisterkind zu sein. Doch wie immer ist die Realität recht fern von dem, was man sich gewünscht hat.

Zunächst einmal: wir haben mit unserer Tochter unheimlich viel Glück gehabt, dass sie bereits von Beginn an ein Geschwisterkind sein wollte (soll es ja auch anders geben…). Sie hat sich wie Bolle darauf gefreut, endlich eine große Schwester sein zu dürfen. Und von Beginn an waren beide unsterblich ineinander verliebt. Es gab und gibt so viele so schöne Momente, in denen man diese Liebe richtig spüren kann. Wie sie sich berühren, wie sie sich aufeinander freuen, wie sie sich das erste Mal morgens sehen. Und diese Liebe ist glücklicherweise auch beidseitig, betritt die große Schwester den Raum, hört man viele Meter weiter ein erfreutes Jauchzen und Lachen. Hört sich bisher gut an, oder? Eigentlich schon, wenn da nicht die blöden Eltern wären…

Ich stoße mit zwei Kindern VIEL häufiger an Grenzsituationen. Ein Kind zu händeln ist eigentlich recht gut möglich. Es gibt wenige Situationen, in denen ich nicht Herr über mich selbst oder die Lage war. Seitdem ich aber die Aufgabe habe, mich um beide Kinder gleichzeitig zu kümmern, bin ich leider sehr häufig überfordert. Denn so sehr sich die beiden auch lieben, nach einigen Monaten hat die Große gelernt, wie der Hase läuft. „Wenn das Baby heult, kommen Mama und Papa sofort angelaufen. Wenn ich einfach nur rufe, dann nicht. Hmm…“ Ihr könnt euch vorstellen, was aus dieser Überlegung resultiert. Wir waren von Anfang an so froh darüber, dass alles so gut klappt, dass wir vielleicht gedacht haben: Läuft ganz gut mit weniger Aufmerksamkeit, behalten wir so bei. Tja, Pustekuchen. Nun werden Forderungen gestellt. Klagen werden laut, dass ja das Baby alles bekommt, was es will. Dass der Alltag bestimmt wird durch das Baby. Das ist zwar nur die halbe Wahrheit (denn eigentlich wird immer noch fast genau das gemacht, was wir vorher gemacht haben), aber so scheint es bei unser Großen anzukommen. Es gibt nun auch Situationen, in denen sie tatsächlich zu kurz kommt oder wir uns an Versprechen nicht halten können.

Beispiel: Wir versprechen, zum Spielplatz zu gehen und gemeinsam zu spielen. Beim Spielplatz angekommen, fängt die Kleine an, zu heulen. Mist, vergessen, vorher zu essen. Zum Glück habe ich pürierte Früchte dabei. Heißt aber, dass wir 10 Minuten out of order sind. Eine überschaubare Zeit. Glas ist leer, ich wende mich der Großen zu. Nach fünf Sekunden schaufelt sich die Kleine eine Ladung Sand in die Augen. Heißt, dass wir 10 Minuten out of order sind. Augen auswaschen, Kind beruhigen, und wieder muss sich die Große alleine beschäftigen. Augen sind sauber, auf dem Weg zur Schaukel riecht es verdächtig. Heißt, dass wir drei Minuten out of order sind. Dachte ich. Was ich nicht wusste – ich hatte es mit einem zwei Tage geplanten Kackageddon zu tun. Inzwischen bin ich der Meinung, dass Babies das absichtlich machen – sich den unpassendsten Moment aussuchen, um dann auf den roten Knopf zu drücken. Aus drei Minuten wurden dann wieder zehn. Komplett neu einkleiden dauert eben. Am Ende habe ich also von den geplanten 30 Minuten mit der Großen genau 0 Minuten mit ihr verbracht. Das mag sie einmal verzeihen, wird das allerdings zur Gewohnheit, sieht es anders aus. Ich kann also gut verstehen, wenn „die Neue“ irgendwann zum Störfaktor wird.

Ein anderes Problem, welches auch schwer in den Griff zu bekommen ist: Mit Babies kann man nicht schimpfen. Können schon, bringt aber nicht viel. Resultiert dann nur in großen Augen, die zu zwei Reaktionen führen: Heulen oder Lachen. Nicht aber darin, das eben monierte zu unterlassen. Babies bieten aber Grund zum Schimpfen. Insbesondere beim Erkunden der Schwerkraft, beim Erkunden von exotischen Schlaf- und Wachzeiten und beim Erkunden, wie Kneifen und Kratzen auf die Eltern wirkt. Nun kommt es leider immer wieder vor, dass die Große zum Puffer wird. Man regt sich gerade wieder tierisch darüber auf, dass das Essen auf dem Boden gelandet ist, die Kleine nur am Heulen ist und sie offenbar weniger Schlaf braucht, als man selbst (wir hatten Tage, an denen Sie 2x 3 Stunden + 2x 20 Minuten geschlafen hat). Kurz bevor man sich dann in einen Zombie verwandelt hat, kommt diese süße Tochter, braucht Liebe, bekommt aber auf den Deckel. Für Kleinigkeiten.

Es gab einen Punkt, an dem ich im Bett bestimmt eine halbe Stunde geheult habe, wie ein Schlosshund. Antonia war drei Tage wegen eines Seminars weg. Ich habe es gerade geschafft, dass beide Kinder schlafen. Endlich Feierabend, ich war fix und fertig. Plötzlich fängt die Große an zu Heulen, weckt dabei ihre Schwester auf. Ein Alptraum hat sie geweckt. Sie brauchte jetzt jemanden, der ihr die Angst nimmt, sie im Arm hält. Bekommen hat sie den Rabenvater, der sie total unfreundlich angeschnauzt hat. Es sei ihre Schuld, dass jetzt die Kleine heult. Im Arm gehalten habe ich dann zunächst nicht beide, sondern nur die kleine – auf die Große war ich ja sauer. Es dauerte dann auch drei Minuten, bis ich diesen gewaltigen Fehler gemerkt habe. Inzwischen war die Große mit Tränen im Gesicht wieder eingeschlafen. Alleine, ohne Papa. Das war für mich ein schlimmer Augenblick. Ich habe dann rückblickend bemerkt, dass es ähnliche Situationen schon viel zu häufig gegeben hat. Unsere Töchter sind die besten, die man sich nur wünschen kann und bekommen so häufig nicht die uneingeschränkte Liebe, die sie verdienen. Eine Situation nach der anderen schoss mir dann in den Kopf – und dann konnte ich nicht mehr.

Ich habe versucht, diesen Tag als Wendepunkt zu sehen. Habe gehofft, es fortan besser machen zu können. Aber verdammt nochmal, es klappt nicht. Dieses Verhalten wiederholte sich immer wieder. Die Große bekommt so oft auf den Deckel, dass ich schon nicht mehr weiß, wie viele Situationen es gab. Natürlich wissen und merken wir, dass sie auch häufig Dinge tut, um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Theorie ist uns vollkommen bewusst, dennoch geht es seitdem zwei Kinder da sind viel schneller, dass unsere Geduld am Ende ist. Ich habe mal versucht, einen Tag zu 100% liebevoll zu sein und gar nicht zu meckern, egal was kommt. Irgendwo zwischen der ersten und zweiten Stunde des Tages habe ich bereits versagt.

Nun frage ich mich zurecht: Bin ich ein schlechter Vater, weil ich nicht alles richtig mache? Weil ich mich immer wieder dabei ertappe, meinen Kindern Unrecht zu tun? Wie viel meckern ist noch ok? Welche Lösungen gibt es? Manchmal sehe ich dann andere Eltern. Weswegen die manchmal ihre Kinder anschreien und teilweise sogar körperlich angehen ist unfassbar. Das macht mein Verhalten aber nicht besser. Ich kann mich ja nicht an dem Leid der anderen laben – dafür ist RTL mit seinem Tagesprogramm zuständig. Aber am Ende des Tages denke ich doch, dass wir vieles richtig machen. Wir stellen uns hintenan, arbeiten so wenig wie möglich, um möglichst viel für die Kinder da zu sein. Und es besteht Hoffnung, dass es besser wird. Irgendwann ist die Kleine nicht mehr das hilflose Wesen, welches sie aktuell noch ist. Dann fällt es vielleicht auch leichter, es beiden recht zu machen. Aktuell jedoch ist es für mich eine sehr große Herausforderung. Meine Hochachtung geht immer wieder an die, die drei, vier oder mehr Kinder aufziehen, teilweise sogar alleine. Dazu gehören Nerven wie Drahtseile. Meine stärken sich gerade noch…

Ist es also ein Fluch oder ein Segen? Tja, hier gibt es kein Schwarz oder Weiß. Sicherlich ist es von beidem etwas. Jedoch reden wir auch offen mit der großen Schwester über das Problem, nicht immer für sie da zu sein und ihr häufig Unrecht zu tun. Das bestätigt sie auch – aber: sie sagt nicht nur, dass es das absolut wert ist. Nein, sie will sogar weitere Geschwisterkinder. Und wenn wir keine mehr machen, dann macht sie eben welche… Äh, ja…

1 Gedanke zu “Vom Fluch oder Segen, plötzlich eine große Schwester zu sein

  1. Ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken und siehst das zu negativ. Ich schnappe mir mal das Beispiel mit dem Alptraum:
    Du siehst: beide Kinder weinen, du hast muckel ungerechtfertigter weise angeschnauzt, die Arme musste mit Tränen in den Augen allein einschlafen bis ihr Rabenvater so weit war, dass er sich entschuldigen wollte.
    Ich sehe: beide Kinder weinen, du hast Muckel ungerechtfertigt angeschnauzt.
    Sie erkennt zwei Dinge
    1. Minimuck braucht Papa gerade dringender als ich
    2. Papa ist ganz schön erledigt gerade

    Und daran, dass sie eingeschlafen ist, erkenne ich ganz wichtige Sachen:
    1. sie ist zufrieden in ihrer Position als große Schwester
    2. sie ist sich deiner liebe sicher, auch wenn du sie anschnauzt.

    Alles richtig gemacht.

    Ich glaube, dass es für Kinder total wichtig ist, dass Eltern auch mal ausflippen (natürlich ohne körperliche Gewalt), weil sie erledigt sind.
    Sonst ist es für sie viel unangenehmer, peinlicher und furchtbarer mit ihren eigenen Wutanfällen umzugehen. So sehen sie: es ist normal, Mal die Nerven zu verlieren. Wichtig ist nur, dabei nicht überlegene kraft auszunutzen und sich hinterher zu entschuldigen.

    Eltern sind Menschen und das ist auch gut so!

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