Einen Monat vegan ernähren – wie es dazu kam…

Ich habe ja bereits darüber berichtet, dass wir aktuell versuchen, uns einen Monat lang vegan zu ernähren. Wie es dazu kommen konnte – ihr erfahrt es hier.

Unser Speiseplan war bisher vor allem durch Fleischprodukte dominiert. Es gab, bis auf wenige Ausnahmen, kaum ein Gericht, in dem nicht in irgendeiner Form Fleisch verarbeitet wurde. Auf dem Frühstückstisch waren Leberwurst, Teewurst und Salami zu finden, ebenso Schinken, Fleischsalate und Fisch. Unterwegs gab es Currywurst, liebend gerne grillen wir, dabei werden auch gerne mal 5kg Fleisch auf einmal verbraucht. Ich hatte kein Problem damit, mir zur Einweihung meines neuen Grills ein 1,5kg Porterhouse alleine zu genehmigen. Kurz gesagt: Wir, vor allem ich, waren absolute Fleischesser.

Das war aber nicht durchgehend so. Antonia hat sich während unserer Studentenzeit bereits länger als ein Jahr lang vegetarisch ernährt. Auch sonst hat sie grundsätzlich weniger Fleisch gegessen. Ich bin ehrlich: Damals fand ich diese Zeit unglaublich anstrengend. Ich mochte Fleisch zu gerne, als dass ich darauf verzichten wollte. Und das bedeutete im Endeffekt, dass wir oft doppelt kochen mussten, nicht gemeinsam gegessen haben und ich darüber hinaus auch immer ein schlechtes Gewissen hatte. Wie kommt es also dazu, dass wir uns nun von unser gewohnten Lebensweise abwenden? Und warum erstmal nur probeweise?

Es gibt auf diese Fragen mehrere Antworten. Ich möchte aber bereits an dieser Stelle sagen, dass ich bei den einzelnen Kategorien noch nicht allzu tief in die „Materie“ einsteigen werde. Über viele Fragen kann man seitenweise schreiben. Das werde ich vielleicht noch tun, aber eventuell nicht in diesem Blog, da es den Rahmen sprengen würde. Auch möchte ich hier niemanden bekehren und respektiere die Meinung aller, die weiterhin Fleisch essen.

Die ethische Frage:
Dass für Fleisch Tiere getötet werden müssen, weiß jeder ab einem gewissen Alter. Dass es den Tieren nicht unbedingt gefällt, getötet zu werden, ist glaube ich auch nachvollziehbar. Jahrelange Erziehung und Abstumpfung sowie gesellschaftliche Einflüsse machen es jedoch völlig normal, beinahe selbstverständlich, den Tod des Tieres in Kauf zu nehmen. Fleisch schmeckt eben, hinzu kommt der durch äußere Einflüsse entstandene (Irr-)Glaube, es sei gesund oder gar lebensnotwendig, Fleisch zu essen. Dieser Einfluss führt dazu, dass man mit dem leckeren Steak auf dem Teller nicht mehr assoziiert, dass es von einer Kuh kommt, einem fühlenden Lebewesen. Es kommen einem nicht sofort die Bilder in den Kopf, wie es leben und sterben musste. Und selbst wenn man sich so etwas anschaut (was ich im Grunde jedem empfehle), hat es meistens nur einen kurzen Einfluss. Es mag sein, dass man das alles absolut eklig und verwerflich findet – das hält dann einen Tag an, und dann landet doch wieder der Big King XXL zwischen den Kauleisten. Dazu zählte auch ich. Antonia nahm solche Bilder ganz anders auf, deutlich emotionaler. Es reichten ein paar Sekunden und sie musste weggucken und war emotional überwältigt – was auch der Grund für den Vegetarismus war. Irgendwann war es ihr zu viel, der Ekel zu groß. Und trotzdem kam der Tag, an dem sie gebrochen hat. Zum Einen, weil sie Appetit auf Fleisch hatte. Zum Anderen, weil der äußere Druck zu groß wurde. Diesen Druck habe ich ausgeübt, aber auch Familie und Freunde, im Prinzip die gesamte Gesellschaft.
Vom Fleisch auf dem Frühstückstisch hatten wir uns vor kurzem sowieso schon mehr oder weniger verabschiedet. Irgendwann hatte ich mal eklige „Wasauchimmer“ zwischen meinen Zähnen, als ich grobe Teewurst gegessen habe. Die Vorstellung, wie diese Wurst entsteht, gab mir dann irgendwie den Rest, ich fand es eklig. Warum das genau dann passierte, kann ich auch nicht sagen. Ist ja nicht das erste Mal gewesen, war sonst auch nie ein Problem. An einem Abend haben wir dann bei Netflix eine Doku gesehen, die das Thema Nachhaltigkeit behandelt. Dieser Doku folgten dann viele weitere. Ich weiß, dass diese Dokus mit Vorsicht zu genießen sind. Genauso wie die andere Partei, nämlich die Fleischindustrie mit ihrer Werbung, mit der Vortäuschung einer friedlichen Bauernhofidylle, versuchen natürlich auch die Dokumentarfilmer, den Zuschauer von ihrer Meinung zu überzeugen. D.h. auch dort werden sich falsche oder übertriebene Zahlen finden lassen, ebenso wie manipulative Schnitte und überzogene Bilder. Hier hilft, im Anschluss eingehend zu recherchieren, was wahr ist und was nicht. Und zu viel ist wahr, um es zu ignorieren.
Eines Abends haben wir folglich beschlossen, dass wir es einfach mal probieren, auf tierische Produkte zu verzichten. Und zwar nicht nur auf das Steak, sondern auch auf Eier und Milchprodukte – denn auch diesen Tieren geht es nach unserer Vorstellung nicht besser. Warum auch nicht?

Die gesundheitliche Frage:
Das Thema Ernährung war zeitgleich Thema bei uns. Wir vier haben ein Problem: wir vertragen Milch nicht gut. Das resultiert dann in übereilten Toilettenbesuchen oder in Bauchschmerzen und -krämpfen. Vielleicht hätten alleine die ethischen Gründe noch nicht ausgereicht um auf z.B. Biomilch-Produkte zu verzichten. Gepaart mit diesem Umstand jedoch, haben wir beschlossen, komplett darauf zu verzichten, einfach um zu sehen, ob Besserung eintritt.
Darüber hinaus bin ich stark übergewichtig. Völlig falsche Ernährung und ein Fleischkonsum von teilweise 2kg die Woche haben meinem Körper nicht gut getan. Die Umstellung auf vegane Ernährung erfordert es, akribisch auf Nährstoffe zu achten, um Mangelernährung vorzubeugen. In unserer „Testphase“ würde das keine Auswirkungen haben, da die meisten Nährstoffe sehr lange gespeichert werden können. Einen positiven Effekt sollte man jedoch recht schnell merken, wenn man Literatur und Berichten Glauben schenkt. Vegan als Variante abzunehmen. Ein Versuch ist es wert.
Ein Aspekt, den wir ehrlich gesagt nicht wussten, und der uns regelrecht schockiert hat: Verarbeitetes Fleisch wird von der WHO als krebserzeugend eingestuft. Das haben wir sogleich überprüft, und auch obwohl wir geglaubt haben, einiges über Ernährung zu wissen, dass alle Studien diesbezüglich deckungsgleich zu dem gleichen Ergebnis kommen, hat uns wirklich überrascht. Ich möchte hier noch keine Studien rezitieren, aber WIE ungesund verarbeitetes Fleisch ist, hat uns dann doch überrascht. Natürlich, die Dosis macht das Gift. Aber ich habe mein Leben lang deutlich mehr als die empfohlene Dosis gegessen. Auch der unnötige Konsum von Milchprodukten bringt keinen gesundheitlichen Vorteil, im Gegenteil. Ein Umdenken bezüglich des Nahrungskonsums hätte also sowieso statt finden müssen. Und unabhängig ob vegan oder mit Fleisch gesünder: Ich will schließlich noch viele Geburtstage meiner Töchter erleben. Ich werde nun also diese Testphase damit verbinden, mich begleitend beim Arzt eingehend untersuchen zu lassen. Vielleicht werde ich feststellen, dass ich durch die vegane Ernährung meine Gesundheitswerte deutlich steigern kann.

Die Frage der „Horizonterweiterung“:
Die Welt besteht aus Vorurteilen. Niemand kann sich davon frei machen – und ich glaube, dass beim Stichwort „Vegetarier“ oder gar „Veganer“ sofort Bilder und Meinungen ins Gehirn schießen. Geht mir genauso. Ich habe vor einigen Jahren mal einige Soja-Produkte probiert. Ich fand alle eklig. Ich kann auch nicht verstehen, warum pflanzliche Ersatzprodukte unbedingt das gleiche Aussehen und den gleichen Namen haben müssen wie die fleischlichen Vorbilder. Ich bin auch nicht unbedingt jemand, der alle Dinge mag, im Gegenteil. Viele Gemüsesorten würden auf meinem Teller kleinen Platz finden. Ich habe aber jedoch immer nur am Rande Erfahrungen machen können. In der Familie sind ausschließlich Menschen, deren Hauptnahrungsquelle Fleisch ist. Vegetarier kennen wir nur wenige, außerdem fand meinerseits dort nie ein Erfahrungsaustausch zu diesem statt. Kurzum: Ich habe mein gesamtes Meinungskonstrukt auf ein paar wenigen Eindrücken und Erfahrungen aufgebaut. Veganes Essen schmeckt nicht, ich werde davon sowieso nicht satt, nach drei Tagen würde ich den Fraß nicht mehr essen können. Antonia hat manchmal vegane Kuchen gebacken. Sorry mein Schatz, aber alle waren recht eklig. Zufall oder generell ein Problem veganer Ernährung?
Das wollte ich nicht mehr. Ich wollte nichts verurteilen, was ich nicht selbst ausprobiert habe. Es gibt ungefähr 32756 Rezepte für Veganer da draußen. Davon kannte ich 3. Ich wusste nicht, ob es mir ohne Fleisch besser oder schlechter geht. Wusste nicht, ob es vegane Ersatzprodukte gibt, die ich lecker finde. Ich wollte also selbst wissen, ob ich etwas vermissen würde, wenn ich vegan lebe. Und das geht nur, wenn man es zumindest eine zeitlang versucht. Und egal, wie es ausgeht: Am Ende werde ich um wertvolle Erfahrungen reicher sein, weiß, wovon ich spreche und warum ich mich für oder gegen eine bestimmte Lebensweise entschieden habe.

Die Frage des Zeitraums:
Warum also nur einen Monat? Warum nicht gleich den Hebel umlegen? Ganz einfach: Wir wissen nicht, ob wir es schaffen können. Zu behaupten, wie wären jetzt Veganer, wäre falsch. Fleischessen ist für uns eine Sucht. Man kann auch nicht am ersten Tag des Entzugs behaupten, man sei nicht mehr süchtig. Es kann durchaus sein, dass wir feststellen, dass wir lediglich unseren Fleischkonsum stark reduzieren wollen, oder einige Milchprodukte zulassen. Darüber hinaus wird diese Entscheidung auch unsere Kinder beeinflussen, jetzt einen Hebel für angeblich immer umzulegen und dann nach zwei, drei Monaten wieder zu den alten Gewohnheiten zurückzukehren wäre sehr kontraproduktiv. Natürlich hoffen wir, dass uns der Verzicht so wenig ausmacht, dass wir es langfristig durchziehen können. Denn ich habe noch kein einziges wirklich gutes Argument FÜR den Konsum von Fleisch gesehen – außer „Lecker“ und „Veganer nerven mich“, und die sind rein egoistischer Natur. Ist die Wahl dieses Zeitraums inkonsequent? Vielleicht. Aber besser, als den ersten Schritt nie zu machen ist es alle mal.

Die Frage der Lebensweise:
Vegan ist keine Diät, keine Art, sich zu ernähren. Vegan ist eine Lebenseinstellung, zu der noch mehr gehört. Da hört es nicht auf dem Teller auf, sondern geht bei der Kleidung weiter, bei sonstigen tierischen Artikeln im Haushalt, bei Kosmetik, und, und, und.
Ich leugne es nicht: Unser Haushalt ist voll von nicht-veganen Dingen. Leder an den Schuhen, Wolle in der Kleidung und auch über die Frage, welche Produkte in unserem Badezimmer stehen, haben wir uns keine Gedanken gemacht. In all diesen Fragen wird bei uns auch kein Hebel umgelegt werden – das empfinden wir als zu viel des Guten. Mal ab davon, dass es einen großen finanziellen Einschnitt bedeuten würde der aktuell nicht tragbar wäre – wir halten nichts davon, sich jetzt all dieser Dinge zu entledigen – schließlich gibt es die ja schon. Sicher, sollten wir diesen Weg weitergehen, werden wir in Zukunft drauf achten, denn so viel geht einem da ja nicht verloren. Ich bin aber nicht der Meinung, dass immer alles ganz oder gar nicht gemacht werden MUSS.

 

Im nächsten Beitrag möchte ich darüber berichten, wie wir die erste Woche erlebt haben. Passenderweise steht ja schon in unserem Blog-Slogan „Gegenwind“ – und der bläst gewaltig. Auch die Frage „Vegan und Kinder“ möchte ich behandeln, denn natürlich würde eine Umstellung auch einen großen Einfluss auf die Kinder und deren Erziehung haben.

 

3 Gedanken zu “Einen Monat vegan ernähren – wie es dazu kam…

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