Einen Monat vegan ernähren – und was ist mit den armen Kindern???

Bei unserem Versuch, einen Monat lang vegan zu leben, bleibt es natürlich nicht aus, dass das auch einen Einfluss auf die Kinder hat. Sofort nach der Veröffentlichung des ersten Artikels zu dieser Reihe erreichte mich gleich der erste Kommentar, ob dann auch unsere Kinder zwangsweise vegan ernährt werden. So schwierig das gesamte Thema für uns selbst ist, umso schwieriger ist die Frage, inwieweit das einen Einfluss auf die Kinder haben sollte/müsste/dürfte.

Ich nehme gleich vorweg: innerhalb unseres Testmonats gibt es auf alle diese Fragen für uns noch keine klaren Antworten. Es ist eine unheimlich schwierige Frage und eine, die einen extrem großen Einfluss auf die Kinder hat. Bisher ist es auch die Frage, die in der Familie zu den hitzigsten Diskussionen geführt hat. Dieser Artikel ist von daher als Sammlung von Gedanken zu verstehen, auf die ich bisher noch keine Antworten gefunden habe, sie stellen auch nicht meine Meinung dar, sondern Standpunkte, die man vertreten kann oder auch nicht. Auch wenn ich schon viele Studien angeschaut habe, viele Meinungen gelesen habe, Pro und Contra abgewägt habe: wir haben für unsere Kinder noch keine klare Linie gefunden. Auch hierfür dient der „Probemonat“ – die Kinder sollen nicht vollends verwirrt werden. Trotzdem haben sich natürlich Änderungen ergeben, denn wir leben ja nicht aneinander vorbei.

Hier nun also meine Gedanken zu diesem komplexen Thema, ich gehe hierbei davon aus, was passieren würde, wenn man sich entschließt, für immer vegan zu sein.

1.) Ist das Kind schon in den Brunnen gefallen?

Wir leben seit über 30 Jahren weder vegetarisch, noch vegan. Unsere Töchter sind beide in einem Haus aufgewachsen, in dem es völlig normal war, Fleisch zu essen. Fleischkonsum wurde bisher nicht in Frage gestellt. Allerdings hat es unsere Tochter schon interessiert, wo Fleisch herkommt. Hierauf hat sie natürlich eine ehrliche, wenn auch verharmloste Antwort bekommen – als 3-4 jähriges Kind kann man diese Antwort jedoch nicht begreifen. Was bedeutet es schon, wenn man erzählt, dass ein Tier geschlachtet werden muss? Es fehlt sowohl der Bezug, als auch das Verständnis von Leben und Tod in dem Maße, als dass es großartig in Frage gestellt wird. Nun bekommt also die eine Tochter seit mehreren Jahren vorgelebt, dass der Konsum von Fleisch und Milchprodukten etwas völlig normales ist. Und jetzt plötzlich, aus heiterem Himmel, soll das nicht mehr in Ordnung sein? Was soll das denn? Wie kann man es also verantworten, dass sich nun auch das Kind, nur weil sich die Eltern etwas in den Kopf gesetzt haben, umgewöhnen soll? Die geliebten Chicken Nuggets verschwinden vom Teller, und in der Bolognese ist plötzlich Grünkern statt Hack. Eine Konditionierung hat bereits stattgefunden, das Kind ist völlig verwirrt. Früher war es egal, woher die Eier kommen. Plötzlich sollen die verboten sein?
Eine schwierige Frage. Gehen wir also davon aus, dass Eltern ihren moralischen Kompass wirklich auf den Kopf stellen, sich eingestehen, dass sie in den vergangenen Jahren so gelebt haben, wie sie es nun nie wieder tun wollen. Aus ihrer Sicht haben sie also einen Fehler gemacht, indem sie bereits „falsch“ erzogen haben. Was gestern noch HUI war, ist heute PFUI. In diesem Fall muss ganz genau überlegt werden, wie man das vermittelt. Es ist natürlich nicht damit getan, dass man diesen Wandel einfach mitteilt – denn das Kind wird es weder verstehen noch akzeptieren. Dieses Problem wäre gegebenenfalls nicht entstanden, wenn das Kind bereits von Anfang an die andere Lebensweise erlebt hätte. Sollte man jetzt also dem Kind „erlauben“, weiterhin Fleisch zu essen, weiterhin Milch zu trinken? Oder sollte man es verbieten? Höchst diplomatisch bietet sich hier natürlich der Mittelweg an. Kurzer Exkurs:

Es besteht die einhellige Meinung, dass Kinder vor allem durch das Vorleben erzogen werden. Es klappt nicht, Hü zu sagen, Hott zu machen, und erwarten, dass das Kind brav Hü macht. Eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern, aber auch Erzieher*innen und allen Menschen im unmittelbaren Umfeld des Kindes ist es daher, ein „gutes“ Vorbild zu sein. Jeden Tag vermitteln wir dem Kind unsere Wertvorstellungen. Wir zeigen dem Kind unser Bild von Gut und Böse, unsere Moralvorstellungen, unseren Weg, Konflikte zu bewältigen und mit anderen Menschen umzugehen. Mit jeder Entscheidung, die wir treffen, mit jedem Gebot, Verbot, mit jedem Rahmen dem wir dem Kind zur Entwicklung geben, lenken wir das Kind in eine Richtung. Es macht einen Unterschied, welche Spielzeuge das Kind erhält, ob es Fernsehen gucken darf, ob es am Tisch still sitzen muss oder eben nicht – einfach alles was wir tun. Das gibt einem natürlich nicht die Macht, das Kind nach den eigenen Wünschen zu formen, aber einen großen Einfluss hat es dennoch. Selbstverständlich ist jedes Kind anders und bringt auch andere Veranlagungen mit sich – trotzdem übt die Erziehung einen hohen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes aus – selbst wenn der Rahmen sehr weit gehalten wird. Und am Ende steht das eine Ziel: das Kind so zu erziehen, wie man selbst es für richtig hält. Im Wohle des Kindes, aber auch kongruent zu den eigenen Wertvorstellungen. Anders kann es auch kaum klappen (Hü und Hott).

Nun ändern sich also die Wertvorstellungen der Eltern. Zwangsweise müsste sich also auch die Erziehung ändern. Um die Frage zu beantworten, ob man nun auch krampfhaft die Wertvorstellungen (soweit vorhanden) der Kinder umkrempeln muss, sollten zwei Standpunkte betrachten werden: der ethische und der gesundheitliche.

2.) Wie soll ein Kind etwas von Ethik verstehen?

Die beiden größten Triebfedern für den Veganismus sind die Gesundheit und die ethischen Fragen. Letztere sind selbst für erwachsene, hochgebildete Menschen ein Streitthema. Es gibt eine Vielzahl von Standpunkten, die man einnehmen kann. Aber vor allem: die meisten betreffen einen nicht unmittelbar. Es hat keinen direkten Effekt auf das Leben von Kindern, dass einer Kuh für die Milch regelmäßig das Kalb weggenommen wird. Das Kind kennt weder Kuh, noch Kalb. Es kennt das Tetrapack, aus dem die Milch kommt. Mit einer glücklichen Kuh drauf, die friedlich auf einer Wiese grast. Neben unserem Haus wohnen Hühner. Denen geht es wahrscheinlich vergleichsweise gut. Die produzieren dann halt Eier, ist ja nicht schlimm.
Wie soll ich also einem Kind erklären, dass es etwas nicht darf, weil wir als Eltern etwas doof finden? Die Große sagt jetzt bereits: „Ist mir egal, ich mag aber Fleisch soooo gerne!“ Die Moral, die hinter dem Veganismus steht, geht ihr auf Deutsch gesagt am Allerwertesten vorbei. Ihr ist ein Chicken Nugget wichtiger als die Tatsache, dass dafür Hühner sterben müssen. Kann oder sollte ich ein derartiges Verbot aussprechen, ohne dass das Kind es versteht?
Um die Frage zu beantworten, möchte ich auf andere Bereiche des Lebens überschwenken.
Das Kind guckt Fernsehen. Die Eltern sind der Meinung, mehr als 20 Minuten müssen es nicht sein. Nach 20 Minuten wird ausgemacht, Kind will länger gucken, Kind wird sauer. Versteht es den Sinn dahinter? Nein, sicher nicht.
Das Kind piekst andere Tiere mit einem Stock und hat Spaß dabei. Die Eltern verbieten es sofort, so etwas darf man nicht machen. Es sei schließlich auch gefährlich, das Tier könnte sich wehren. Versteht das Kind das? Die eigene Gefahr vielleicht, warum man das Tier allerdings nicht pieksen DARF nicht unbedingt.
Was ich sagen will: Einem Kind zu vermitteln, etwas nicht zu tun, nur weil es es nicht darf, ist immer schwierig und oft wenig effektiv. Begründungen, die das Kind versteht, sind deutlich effektiver. „Du solltest das nicht machen, weil du dir beim Anfassen der Herdplatte die Hand verbrennen wirst“ versteht ein Kind besser als „WEIL ICH DAS SAGE!“. Letzteres klappt sicherlich auch, wäre aber kein Weg, den ich gerne beschreite.
Aber: Vom veganen Standpunkt aus gesehen, ist das Essen von Fleisch, der Verzehr von Milchprodukten und das Tragen von Leder moralisch absolut verwerflich. Und zwar derart, dass es genauso nicht passieren darf, als wenn das Kind andere Kinder haut, mutwillig Dinge zerstört oder sonst welche Sachen macht, bei denen jeder sofort ein Verbot aussprechen würde. Ich würde meinem Kind auch nicht erlauben, andere Kinder zu schikanieren, jemandem das Pausenbrot zu stehlen, jemanden verbal anzugreifen oder eben auch tätlich. Muss das Kind bei diesem Nein unbedingt verstehen, warum es Unrecht ist, selbst wenn es kompliziert ist? Wie es dazu kommen konnte, dass so etwas passiert, ist dann wieder ein anderes Problem und muss selbstverständlich besprochen werden. Gäbe es also keine anderen Argumente, könnte ich es schon vertreten, dass man alleine aus dem ethischen Aspekt heraus dem Kind nicht erlaubt, Fleisch zu essen. Es wird schließlich auch in anderen Bereichen gemacht. Darüber hinaus ist ja auch die Entscheidung, „Ja“ zu Fleisch zu sagen, eine ethische, die ich dem Kind vorweg nehme. Schlimmstenfalls habe ich dem Kind mehrere Jahre Fleisch eingeflößt, bis es selbst feststellt, dass es das schlimmste ist, was ich ihm antun konnte.

3.) Veganismus und Gesundheit

Über das Thema, wie gesund Veganismus ist (oder eben auch nicht), wurden unzählige Bücher geschrieben, zahllose Studien verfasst. Hier habe ich, im Gegensatz zu den anderen Aspekten, eine klare Meinung: Wer richtig vegan lebt, lebt in der Regel gesünder. Es gibt immer wieder die typischen Phrasen, die jeder irgendwo mal aufgeschnappt hat: Veganern fehlen Calcium, Proteine, Vitamine, Eisen… Das ist immer das erste Argument, was man hört. Ironischerweise von denen, die absolut nicht auf eine gesunde Ernährung achten. Als wenn eine Lebensweise mit Fleisch und Milchprodukten automatisch gesund ist. Diese Phrasen sind, was sie sind: Vorurteile. Es ist absolut möglich, sich vegan gesund zu ernähren, es ist sogar viel gesünder als alle anderen Lebensweisen. Das Problem ist nur: eine ausgewogene, vegane Ernährung erfordert Arbeit. Erfordert es, sich Wissen anzueignen und darauf zu achten, was man isst. Eine vegane Ernährung kann aus Kartoffelchips und Cola bestehen, Tag und Nacht. Ist das gesund? Nein, natürlich nicht. Aber sämtliche Inhaltsstoffe, die für ein gesundes Wachstum nötig sind, können über pflanzliche Quellen aufgenommen werden. Es ist weder wichtig, Milch zu trinken („Um die Knochen zu stärken!“), noch Fleisch zu essen. Im Gegenteil, ein zu hoher Konsum dieser Dinge ist schädlich. Aus gesundheitlicher Sicht gibt es absolut keinen Grund, nicht vegan zu essen. Die Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist hier vor allem Vitamin B12 – was aber total einfach supplementiert werden kann. Im Gegensatz zu allen anderen Aspekten ist dieser vor allem wissenschaftlich leicht belegbar. Es gibt massenhaft Studien, die belegen, wie schädlich Fleisch sein kann, es gibt keine, die beschreibt, dass Gemüse tödlich sei. Medial gesehen bedarf es allerdings nur ein einziges mangelernährtes, veganes Kind um über all die übergewichtigen Kinder, Kinder mit Diabetes, Knochenproblemen und anderen Krankheiten  hinwegzutäuschen. Es heißt dann trotzdem: Die bösen Veganer haben ihr Kind umgebracht. Gleichzeitig sterben tausend Menschen an Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs, weil sie nie gelernt haben, sich gesund zu ernähren und jahrelang Fleisch die Hauptmahlzeit war.
Bei der veganen Ernährung von Kindern sehe ich vor allem drei Schwierigkeiten: Zum Einen kann ich schwerer als bei mir selbst kontrollieren, was mein Kind zu sich nimmt, da ich es vielleicht nicht immer sehe. Zum Anderen sehe ich bei uns, dass unsere Tochter noch schwieriger für einige Lebensmittel zu begeistern ist, als wir es sind. Erklärt eurem Kind doch einmal, dass es heute Algen statt Pommes essen soll. Darüber hinaus ändern sich die Bedürfnisse eines Kindes sehr häufig. Das Kind wächst, mal werden Knochen gebildet, mal Muskeln, mal stoppt das Wachstum. Es ist eine große Herausforderung an und Verantwortung für die Eltern, eine gesunde, vegane Ernährung zu gewährleisten. Stelle ich am Ende der Woche fest, dass bestimmte Nährstoffe noch gar nicht auf dem Tisch waren, MUSS eventuell das entsprechende Essen auf den Tisch. Auch muss man sich doppelt informieren: Was brauchen Erwachsene, was brauchen Kinder. Bei einigen Nährstoffen kann es schwierig sein, den Bedarf ausreichend zu decken, insbesondere wenn das Kind nicht alles isst. Auf keinen Fall sage ich, dass es nicht möglich ist. Es gibt zigtausende, gesunde Gegenbeispiele. Es erfordert jedoch ein genaues Hinsehen. Eventuell sogar regelmäßige Arztbesuche. Stumpf zu sagen, vegan sei per se gesünder als eine carnivore Ernährung, wäre falsch. Ich habe übrigens erschreckend oft gelesen (von Nicht-Veganern), dass eine vegane Ernährung dämlich sei, schließlich muss ja auch ein Baby Muttermilch bekommen… ok… Was ich auch sehr häufig lese: Andere Menschen machen sich Gedanken, dass das Kind nicht gesund ernährt wird, erheben sofort anklagend den Zeigefinger. Gleichzeitig wird es wie selbstverständlich akzeptiert, dass Kinder Unmengen an Zucker zu sich nehmen, unausgewogen essen, kein Gemüse auf dem Teller haben, Pommes und Chips die Nahrungsgrundlage bilden und der Energielevel mit Energydrinks oben gehalten wird. Ich sehe hier ganz klar ein völlig verzerrtes Realitätsbild. Der anklagende Fleischesser hat sich oftmals deutlich weniger Gedanken darüber gemacht, was er selbst oder seine Kinder zu sich nehmen. Weil er allerdings in der Mehrheit ist, glaubt er sich im Recht – was leider oft nicht der Fall ist. Warum müssen sich also immer wieder diejenigen dafür anklagen lassen, nicht gesund zu essen, die sich im Schnitt deutlich mehr Gedanken gemacht und Wissen angeeignet haben?

4.) Veganismus führt zu Ausgrenzung

Wir nehmen einen typischen Tag im Kindergarten. 19 Kinder essen Fleisch, ein Kind ist Moslem, ein Kind ist vegan. Es gibt Hot Dogs – für 19 Kinder. 2 Kinder müssen leider etwas anderes essen. Die Frage, ob die Ausgrenzung von Moslems und Veganern gleich ist, kann ich hier nicht beantworten, ich habe jedoch bisher die Stimmung auffangen können, dass Speisegebote, die aus einer Religion stammen, deutlich besser akzeptiert werden. Sei es drum: nun essen also 19 Kinder etwas, was bestimmt super lecker ist, und zwei Kinder löffeln Gemüsesuppe. Machen sie das gerne? Ganz bestimmt nicht. Aus oben genannten Gründen werden sie stinksauer sein, natürlich will ein Kind, welches keinerlei Verständnis für das Thema hat, auch die Hot Dogs essen – macht ja schließlich jeder. Das Kind wächst eben nicht in einer Glocke auf, in der lediglich die Moralvorstellungen der Eltern bestehen. Treiben wir es auf die Spitze: Kindergeburtstag – die Eltern des Geburtstagskindes haben keine Alternative für die Würstchen vom Grill. Soll mein Kind nun hungern? Soll ich dem Kind vegane Grillsachen einpacken und es muss schon wieder alleine essen? Im Anschluss bekommt jeder ein Milcheis. Möööp, darfst du nicht. Ein Kind wird weder in der Lage noch gewillt sein, den Standpunkt seiner Eltern zu verstehen. Solange andere Menschen für das Kind Entscheidungen getroffen haben, die es nicht versteht und akzeptiert, wird dieses Verbot zu Problemen führen. Hier stellt sich dann die Frage, ob man wirklich das Wohl der Tiere höher stellt, als das Wohl des Kindes. Denn wie soll ich als Elternteil in solchen Situationen gewährleisten, dass das Kind nicht stigmatisiert und ausgegrenzt wird? Dass nicht andere Kinder auf das Kind zeigen und es auslachen, weil es das Eis nicht essen darf?
Ein anderer Gedanke dazu: Die 19 Kinder, die Fleisch essen, sind das Problem. Veganismus stellt in den Wertvorstellungen eines Veganers ein Idealbild einer Gesellschaft dar, am besten is(s)t jeder vegan. Die oben genannten Probleme würden in dieser idealen Welt gar nicht passieren, da würden alle 21 Kinder das gleiche essen. Diese Welt wird Utopie bleiben. Aber was ist, wenn nicht mehr nur ein Kind vegan ist, sondern fünf? Wenn es in 10 Jahren vielleicht acht Kinder sind? Dann wird es keine Ausgrenzung mehr geben. Und dann wird es dieses eine Kind gebraucht haben. Fritzchen kommt dann nach Hause und sagt: „Carlotta bei uns im Kindergarten, die hatte heute Räuchertofu statt Fleischwurst dabei. Die habe ich probiert, war lecker! Können wir das auch mal kaufen?“ Beim nächsten Sommerfest kommt dann vielleicht die Familie von Fritzchen auf die von Carlotta zu und fragt, was es denn mit diesem Tofu auf sich hat. Man kommt ins Gespräch und stellt fest, dass Fritzchens Eltern eigentlich auch kein Fleisch essen wollen, bisher aber Angst hatten, dass Fritzchen dann nichts mehr isst. Rezepte werden ausgetauscht und aus einem Veganer im Kindergarten werden zwei. Damit kommt ein Stein ins Rollen. Geht man diesen Schritt also nicht, wird sich diese Situation nie ändern.
Vor zwei Tagen wurde im Bundestag die Ehe für Alle beschlossen. Ein Meilenstein für alle, die seit Jahren für Ausgrenzung und Diskriminierung gekämpft haben. Wäre das passiert, wenn es keine Menschen gegeben hätte, die für dieses Recht gekämpft hätten? Nein! Sicher, Ausgrenzung wird es weiter geben, aber mit jedem weiteren Schritt wird es weniger werden, Homosexualität wird immer häufiger akzeptiert.
Aber: Diejenigen, die dafür gekämpft haben, waren mündige Bürger. Wussten, was Ausgrenzung und Diskriminierung bedeutet. Carlotta weiß das nicht. Tragen in diesem Fall also die Eltern den Kampf auf den Schultern des Kindes aus?
Auch hier ist interessant: ich habe mich einige Stunden umgeschaut, um die Meinungen bezüglich Veganern aber auch wegen religionsbedingter Speisegebote angeschaut. Es gibt viele, die sagen, dass schon alleine der Glaubenszwang verwerflich ist. Aber dass Kinder mit den Religionsvorstellungen der Eltern aufwachsen, getauft werden, kein Schwein essen dürfen, kein Rind essen dürfen (was auch immer die Religion vorgibt), scheint in der Gesellschaft deutlich besser anerkannt zu sein. Warum? Weil es jeder macht, weil es die Norm ist? Veganer hingegen nerven einfach nur. Die kommen mit ihren bescheuerten Prinzipien daher und vermiesen mir das Steak auf meinem Teller. Veganer dürfen ihren Hut also nicht den Kindern überstülpen.
Denke ich an meine Tochter, möchte ich natürlich auch nicht, dass es zu den oben beschriebenen Situationen kommt. Es stellt sich für mich aber die Frage, ob ich mein Kind etwas vermeintlich Falsches machen lasse, nur weil es alle machen.

5.) Und was macht ihr nun?

Ein unbepflanzter Acker – Nährboden für Gemüse und eine sinnvollen Erziehung?

Tja, schwere Frage. Ich möchte berichten, was wir uns vorgestellt haben. Wir möchten transparenter gestalten, welche Lebensmittel woher kommen. Milch kommt von einer Kuh, das weiß jedes Kind. Aber woher kommt Käse? Woraus wird Eis gemacht? Was ist Gelatine? Woraus ist Schokolade gemacht? Unsere Tochter ist in einem Alter, in dem sie viele Zusammenhänge bereits herstellen kann. Sie soll also ruhig wissen, warum es eben nicht so toll ist, wenn sie Fleisch isst. Wir werden sie nicht vor die Dokumentation Earthlings setzen – das wäre ein Overkill. Es gibt jedoch zum Beispiel Bücher, die extra für Kinder gemacht sind, welche ohne moralischen Zeigefinger arbeiten sollen (so hoffen wir zumindest). Karl Klops beispielsweise. Das Buch haben wir noch nicht, werden es uns aber angucken – in der Hoffnung, dass es gut ist und zur Lektüre wird. Wir werden viel mehr über Ernährung aber auch über Tiere sprechen. Auch werden wir so viele vegane aber auch vegetarische Alternativen wie möglich anbieten. Die Gesichtswurst zum Beispiel, die sie immer gerne gegessen hat, ist jetzt vegetarisch. Und oh Wunder – mag sie genauso gerne. Warum also die tierische Variante kaufen? Wir werden niemals mit ihr meckern, wenn sie Fleisch essen will, wenn sie Fleisch gegessen hat oder den Wunsch äußert, Fleisch zu essen. Bisher haben ihr alle Gerichte ausgezeichnet geschmeckt. Auf dem Frühstücksbrot lag trotzdem Camembert mit Erdbeermarmelade – ihr Lieblingsbelag. Wir werden testen, auf welche Nahrungsmittel wir eventuell verzichten können. Vor allem haben wir bisher ja niemals ausprobiert, ob sie vielleicht vegetarische oder vegane Alternativen lieber mag. Bisher hat sie Frikadellen bekommen. Eine Gemüsefrikadelle ist auch lecker. Wenn sie die mag und nichts dagegen hat, sie ggf. sogar der Hackvariante vorzieht – warum nicht? Unsere Hauptaufgabe ist es jetzt, gesündere Alternativen zu bieten. Hierbei geht es gar nicht so sehr um die Verbannung von Fleisch und Milch vom Teller, sondern vielmehr darum, mehr gesundes Obst und Gemüse auf den Teller zu bekommen. Sich zu überlegen, wie man unbekannte Gemüsesorten präsentieren kann, um sie interessant zu machen. Hier spielt uns natürlich in die Karten, dass wir seit kurzem einen Schrebergarten gepachtet haben. In den Anbau von Gemüse und Früchten wird sie eingebunden werden, so lernt sie, wo die Sachen herkommen und wird automatisch wertschätzen, was sie selbst geerntet hat (so hoffen wir es zumindest – jedenfalls passiert das bei den meisten Gartenbauprojekten für Schüler). Irgendwann wird sie selbst entscheiden können, welcher Weg für sie der richtige ist. Bis dahin wird sie aber deutlich mehr über Ernährung wissen, über die Herkunft der Lebensmittel, über Tierhaltung, wird ein Verständnis für gesund und ungesund haben, wird hoffentlich alle Gemüsesorten kennen, die es auf dem Wochenmarkt zu kaufen gibt. Und die gegebenenfalls sogar schon selbst geerntet haben. Es gibt heutzutage genug Kinder (auch in unserem näheren Bekanntenkreis), die mit fünf Jahren nicht wussten, was eine Birne ist, weil sie sie noch nie gegessen haben. Genau das darf nicht passieren. Wir können und werden sie nicht dazu zwingen, vegan zu leben, wir können aber so gut es geht Vorbild sein. Ihr Wissen und Können mit auf den Weg geben. Mit ihr zusammen das Essen zubereiten, was auf dem Tisch steht. Welche Entscheidung sie später auch immer trifft – sie wird nicht daraus entstanden sein, dass sie es nicht anders kennt. Sie wird die Wahl haben, sich gesünder zu ernähren oder auch selbst zu entscheiden, dass Fleisch kein Problem für sie darstellt. Das heißt trotz allem nicht, dass wir nicht so oft wie möglich eine vegetarische oder vegane Mahlzeit zubereiten werden.

 

 

1 Gedanke zu “Einen Monat vegan ernähren – und was ist mit den armen Kindern???

  1. Nun muss ich mich ja nochmal zu Wort melden, da ich ja der erste erhobene Zeigefinger war, den du Eingangs erwähnt Gast.
    Auch wenn ich das Gefühl habe, die einzige zu sein, die hier kommentiert ^^
    Ich bin ja nun wirklich kein

    schlecht gemacht wird. Ich lebe vegetarisch und das schon mindestens 3/4 meines Lebens.

    Aber bis zu einem gewissen Punkt stimmt es. Es ist nicht das Steak, sondern mein Frühstücksei oder meine Milch in den Cornflakes, aber das Prinzip ist irgendwie gleich, das muss ich zugeben.

    Ich kann den ethischen Standpunkt des veganen Lebens gut nachvollziehen. Aber ich kann und will nicht darauf verzichten.
    Ich bin ohne Ernährungswissenschaften und ohne Diäten aufgewachsen. Statt dessen hieß es regelmäßig „wenn du darauf großen Appetit hast, dann iss es. Wenn du auf etwas keinen Appetit hast, dann iss es nicht.“
    Das hat für mich immer gut funktioniert. Ich musste nie mit hohem Übergewicht kämpfen, mit Magersucht sowieso nicht 😉

    Und dieses Gefühl für den Körper und dessen Bedürfnisse, leidet, glaube ich, wenn man so auf Nährstoffe achten muss wie bei der veganen Ernährung. Zusätzlich ist meine Liebe zu Sahne/ Schokolade/ Eiern und meine Faulheit, wie ich zugeben muss, zu groß, um vegan zu leben.
    Ich würde es begrüßen, wenn Milch und Eier stark teurer wären und dafür die Lebensbedingungen der Tiere besser. Ich kaufe Biomilch und Bioeier, so viel kann ich dem ethischen Grundsatz zusprechen, aber mehr nicht.

    Aber ich lebe nach dem Grundsatz leben und leben lassen. Ich werde dem Griller sein Steak lassen und euch die Grünkernbolognese.

    Die Kinderthematik sehe ich da diffiziler, wie ihr ja aber auch irgendwie.
    Der ethische Standpunkt: ich schreibe meinen Kindern, wie ihr wisst keine Religion vor und so halte ich es auch mit Ernährungsvorschriften.

    Der praktische Standpunkt:
    Ich wäre nicht in der Lage, meine Kinder dazu zu bringen, Kichererbsen, linsen, Grünkern zu essen. Und leider sind sie auch für optische Motivation schlecht zu haben. Die vegetarische Bärchenwurst wird nach dem ersten Bissen vom Brot entfernt, während die klassische begeistert weggemuffelt wird.

    Der gesundheitliche Standpunkt:
    Dazu kann ich nichts sagen, ich bin weder erfahren noch belesen genug, um den Einfluss auf die kindliche Entwicklung abzuschätzen. Da wünsche ich mir nur Vorsicht, aber die lässt ihr ja walten 🙂

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