Einen Monat vegan ernähren – ein Zwischenfazit

Es sind nun zwei Wochen vergangen, seitdem wir den Entschluss gefasst haben, uns vegan zu ernähren. Für uns hat sich eine neue Welt eröffnet, wir haben unsere bisherige Lebensweise in Frage gestellt und vor allem erfahren, wie Mitmenschen mit dieser Entscheidung umgehen. Durch die Nahrungsumstellung mussten wir fast alle Gerichte, die wir bisher gekocht haben, über Bord werfen und umdenken. Wir erlebten viel Freude, ein neues Miteinander, aber auch neuen Gegenwind. Vegan zu leben ist keine Entscheidung, die nur dich selbst betrifft, sondern alle Menschen in deinem Umfeld.

 

1.) Mein eigenes Wohlbefinden

Den Entschluss, vegan zu leben, haben wir an einem Sonntagabend getroffen. Unser Kühlschrank war zu diesem Zeitpunkt Zeuge unser bisherigen Lebensweise: Milchprodukte und Fleisch hatten eindeutig die Oberhand im Kühlschrank. Am folgenden Montag folgte dann also der erste Weg in den Supermarkt. Dauerte ein Supermarktbesuch sonst zwanzig Minuten, war es diesmal mehr als doppelt so lang. Dabei kannten wir bereits viele Produkte, es war keine völlig fremde Welt. Wir kannten Fleisch-Ersatzprodukte, wussten, was Quinoa ist und Antonia hatte sich schon vorher durch diverse Pflanzenmilch-Produkte durchprobiert. Jedoch wussten wir auch, dass es diverse Fallen gibt, und vermeintlich vegane Produkte sind eventuell überhaupt nicht vegan (Fruchtsäfte z.B.). Und bei 30 neuen Produkten im Einkaufswagen mussten halt vor Ort Informationen gesammelt werden. Bereits am ersten Tag haben wir uns Rezepte besorgt und auch Koch- und Backbücher bestellt. Bereits in der Vergangenheit haben wir uns der Gesundheit wegen mit dem Thema „Grüne Smoothies“ beschäftigt. Inzwischen waren drei, immer teurer werdende Hochleistungsmixer in unserem Haushalt gelandet und mussten diesen wieder verlassen, da sie es nicht gebracht haben. Da diese Smoothies allerdings Bestandteil unserer veganen Ernährung werden sollten, habe ich noch am selben Abend die Bestellung für einen Vitamix getätigt. Es konnte also losgehen…
Ich möchte hier nun keinen Speiseplan und Rezepte posten, ich möchte es nur kurz zusammenfassen: In den bisherigen zwei Wochen habe ich besser gegessen als jemals zuvor. Vielleicht war es Glück bei der Rezeptauswahl und bei der Wahl der Produkte, aber uns haben beinahe ausnahmslos alle Gerichte ganz fantastisch geschmeckt. Wir haben zuvor viel darüber gelesen, dass man sich langsam rantasten muss. Viele Jetzt-Veganer rieten uns davon ab, von 100 auf 0 zu gehen – doch selbst ich, als großer Skeptiker, bin inzwischen restlos davon überzeugt, dass sich durch diesen Entschluss unsere Speisekarte nicht eingeschränkt, sondern grenzenlos erweitert hat. Ich lade euch dazu ein, sich einmal Gedanken über eure Essgewohnheiten zu machen. Überlegt, wie viele verschiedene Gerichte ihr regelmäßig kocht. Ich habe diese Frage vielen Menschen gestellt, am Ende sind alle bei einer Zahl zwischen 20 und 30 gelandet. Aus diesen Gerichten wird immer wieder variiert, dennoch isst jeder fast immer seine Lieblingspizza, hat sein Lieblingsgericht im Restaurant, haut sich immer die gleichen Dinge auf den Grill und es gibt einen von 3 verschiedenen Aufläufen dazu. Es mag da natürlich Ausnahmen geben, aber der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Durch eine derartige Nahrungsrestriktion ist man jedoch gezwungen, Gewohnheiten abzulegen und über Grenzen zu gehen. Und plötzlich merkt man, welch wunderbare Alternativen es gibt. Und um auf die Frage zu antworten: Ich esse vier Mal am Tag, bis ich absolut satt bin. Ich habe nur ein einziges Mal ein Völlegefühl gehabt. Ich habe keine Gallenblase mehr – was für mich bedeutet hat, dass ich mehrmals am Tag auf Klo musste, insbesondere nach fettem Essen. Habe ich nun nicht mehr, meine Verdauung ist trotz deutlich höherem Ballaststoffanteil des Essen deutlich besser. Hunger musste ich nie leiden…
Außerdem verbinde ich das vegane Essen damit, auch abnehmen zu wollen. Vegan kann bedeuten, dass man den ganzen Tag über Chips und Cola zu sich nimmt. Macht wenig Sinn, vegan ist nicht gleichzusetzen mit gesund. Ich habe also gleichzeitig Süßigkeiten vom Speiseplan gestrichen. Dadurch, dass ich durch die vegane Ernährung immer satt bin, habe ich auch gar nicht das Bedürfnis, noch zu naschen. Das war bei bisherigen, erfolglosen Diäten anders. Ich habe mich am vierten Tag der Umstellung gewogen. Genau eine Woche später habe ich über 5 Kilogramm verloren. Mir ist klar, dass es in diesem Tempo nicht weitergeht und das auch nicht gesund wäre, aber zu Beginn jeder Umstellung geht es immer deutlich schneller, bei mir zumindest. Ich brauche weniger Schlaf, bin fitter, habe die Lust am Kochen und auch am Essen wiedergewonnen und habe in keiner Weise das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Am 10.07., meinem Geburtstag, habe ich einen Arzttermin. Leider hat der Plan, zu Beginn der Umstellung einen Arzt aufzusuchen, nicht geklappt. Da ich jedoch noch wie vor stark übergewichtig bin, würden mich gute Werte überraschen – ich kann aber spüren, dass es Körper und Seele deutlich besser geht. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich die Unt ersuchung wiederholen.

2.) Das Wohlbefinden der Anderen

Tja, der erste Teil hörte sich doch recht positiv an, oder? Wird hier nun anders werden. Ich habe gedacht, dass die Umstellung für mich selbst am schwierigsten wird. Weit gefehlt. Ich bin in meiner Freizeit viel im Internet unterwegs. Es scheint dort Mode zu sein, über Vegetarier*innen oder Veganer*innen herzuziehen. Das Bild, welches von Veganern gezeichnet wird, ist durchweg negativ. Sie seien militant, würden alle Fleischesser ungefragt volllabern und nerven einfach nur. Komisch nur, dass ich ungefähr 100 Anti-Veganer-Bashings sehe, während mir 1 militanter Veganer über den Weg läuft. Und das, obwohl ich danach gesucht habe. Ich hatte nun also die Chance, die Reaktionen der Umwelt live zu erleben. Ich gehe davon aus, dass es sich hier schon um gemäßigte Reaktionen handelt, da wir immer offen kommuniziert haben, dass es ein Testmonat ist.
Wir treten keineswegs militant auf. Wir sagen nicht: „Wir sind vegan, weil wir es ekelhaft finden, Fleisch zu essen. Wie kannst du Mörder dir nur fröhlich grinsend diesen Tierkadaver in den Mund schieben während du immer kränker wirst?“ Nein, wir brauchen eigentlich gar nichts zu machen, Reaktionen kommen von ganz alleine. Sobald wir erzählen, dass wir vegan leben, wechseln unsere Gegenüber sofort in eine aggressive Verteidigungshaltung. Mit unserem Statement, keine tierischen Produkte mehr zu essen, beziehen wir Stellung. Und jeder sieht sich sofort gezwungen, seine Position zu verteidigen. An sich in Ordnung, so kommt man ins Gespräch – eigentlich. Die Stimmung ist jedoch keineswegs interessiert, sondern vielmehr feindseelig, selbst innerhalb der Familie. Aber leider, leider meistens aus einer völligen Uninformiertheit heraus. Ich finde es erschreckend, wie viele Leute bisher in ihrem Leben absolut nicht auf ihre Ernährung geachtet haben (da schließe ich mich nicht aus), aber wenn es darum geht, über unsere Ernährung her zu ziehen, haben alle die Weisheit mit Löffeln gefressen. Gebe ich meinem Kind Limonaden, 20 Lollies und eine Tafel Schokolade am Tag (die zwei Kugeln Eis bitte nicht vergessen), versorge es mit Chicken Nuggets und Pommes (und das ausschließlich), dann kommt niemand auf uns zu und sagt, dass es ungesund sei und wir uns mal Gedanken machen sollten. Jetzt bekommt das Kind DEUTLICH mehr Gemüse (welches es mit Hochgenuss isst), schlürft mit Freude ihren oberleckeren grünen Smoothie, bekommt deutlich bessere Getränke – aber alle machen sich Gedanken um das Kind (welches im Übrigen zu nichts gezwungen wird). Ungesund ist leider normal und damit gesellschaftlich akzeptiert. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen.
Ich muss mich allerdings dafür rechtfertigen, dass ich vegan lebe. Muss mir tausend Mal am Tag ungefragt anhören, wie lecker Fleisch doch ist. Und dass man darauf nicht verzichten will. Und auf Käse sowieso, was soll man denn sonst morgens essen? Aber vor allen Dingen nervt es mich ungemein, mit welchem Selbstverständnis Fleisch und Tierprodukte verzehrt werden und dieser Konsum über den Geschmack hinaus gerechtfertigt wird. Vor ethischen Aspekten werden die Augen verschlossen, von ökologischen Konsequenzen hat noch niemand was gehört, auf dem idyllischen Bauernhof aus der Werbung herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Und dass verarbeitetes Fleisch nicht nur ungesund sondern krebserzeugend ist, davon will niemand was hören. Ich empfinde es als Drahtseilakt, meinem Gegenüber sein Essen nicht madig zu reden. Wir haben den Entschluss gefasst, in dem Testmonat niemanden aktiv zu missionieren. Aber mich regen die Leute mehr auf, die der Meinung sind, dass sie Produkte von „glücklichen“ Tieren essen und es überhaupt nicht schlimm wäre, als diejenigen, die sich der Zustände bewusst sind, aber es nicht schaffen, sich der Sucht am Fleisch zu entledigen. Und weil es mich so wütend macht, werde ich nun doch mit dem Vorsatz brechen:
Nein, Tieren auf „Bauernhöfen“ geht es NICHT gut.
Nein, Kühen gefällt es NICHT, wenn ihnen ihr Kind weggenommen wird und sie ihr Leben lang als Milchmaschine missbraucht werden, bis der Euter blutet, vereitert und sie tägliche Qualen erleiden müssen, weil der Ertrag immer weiter gesteigert werden muss.
Nein, das Bild der glücklichen Kuh auf der Weide ist nicht echt. Die Realität sieht anders aus.
Nein, auch „Biotiere“ wollen nicht nach einem Bruchteil ihres Lebens geschlachtet werden. Auch sie leben weder artgerecht noch glücklich. Und im Schlachthof interessiert es niemanden, dass die Kuh weniger Antibiotika und ein wenig mehr Platz hatte. Der Tod ist für alle Tiere gleich grausam.
Nein, Hühner haben auch kein schönes Leben. Auch die „Biohühner“ werden in 50% der Fälle als Küken geschreddert, haben nur geringfügig mehr Platz und laufen auch nicht den ganzen Tag glücklich in ihren Familien herum.
Es ist der Industrie ganz hervorragend gelungen, dem Konsumenten vorzugaukeln, die Produktion von Fleisch und Tierprodukten sei artgerecht. Glückliche Kühe auf der Milchpackung, in Kinderbüchern sind lediglich glückliche Tiere auf dem Bauernhof zu finden, und wenn ein Teil der Produktion mal in Verruf gerät, werden sich ebenso schlimme Alternativen ausgedacht und jeder ist wieder ruhig. Eier aus Legebatterien will heute kaum jemand kaufen. Bodenhaltung hört sich netter an, oder? Ist es aber nicht. Es macht mich wütend, wie blind die Menschheit geworden ist. Wie sehr man sich auf Werbeaussagen verlässt und wie wenig man sich selbst informiert. Die realen Zustände will niemand sehen. Bekommt auch kaum jemand zu sehen, davor werden die entsprechenden Betriebe gesetzlich geschützt. Es hätte einen zu großen Einfluss auf die Wirtschaft, würde jeder wirklich wissen, wie die Tierproduktion aussieht. Aber warum informiert sich niemand? Weil sich niemand aus seiner Komfortzone herausbewegen mag. Zu lecker schmeckt die Krakauer, zu saftig ist der Krustenbraten.
Ich befinde mich in der Testphase. Trotzdem würde ich gerne jeden Menschen, der noch Fleisch isst, dazu zwingen, sich „Earthlings“ anzuschauen. Oder „What the Health„, „Cowspiracy„, „Hope for all„. Und selbst wenn man diese Filme dann nicht für bare Münze nimmt, sollte man dann noch einige Stunden darin investieren, diese Informationen zu filtern und sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Denn auch wenn die Schuld nicht bei dem einzelnen Menschen liegt – er hat es in der Hand, sich zumindest umfangreich darüber zu informieren anstatt auszublenden. Und dann will nicht mehr ich mich dafür rechtfertigen, vegan zu leben. Dann sollen die Fleischesser*innen sich rechtfertigen, warum sie noch Fleisch essen – und zwar auf vernünftige Art und Weise.

3.) Es geht auch anders…

Fleißige Leser*innen wissen, dass wir in einem Mehrgenerationenhaus leben. Und natürlich bleibt es nicht aus, dass diese Umstellung eines der Hauptthemen in unserem Haus ist. Meine Mutter, die Liebseeligkeiten-Oma, hat dieses Thema sehr positiv aufgenommen. Vor allem war ein Interesse geweckt. Sie fing an, sich ebenfalls mit dem Thema zu beschäftigen und war eigentlich sowieso immer kurz davor, den Fleischkonsum stark einzuschränken. Sie kennt die Zustände in den Tierfabriken, allerdings hielt sie der ethische Gesichtspunkt alleine nie ab. Es war purer Zufall, dass meine Mutter an dem gleichen Abend, an dem wir den Beschluss gefasst haben, am Essenstisch gesagt hat: „Eigentlich braucht man gar kein Fleisch“, nachdem sie einen leckeren Salat gegessen hatte. Davon wussten wir nichts, als wir am nächsten morgen jedoch davon berichtet haben, bemerkten wir diesen Zufall. Sie ist dann auf den Zug aufgesprungen – auch sie hatte die Lust auf Fleisch verloren. Käse gab es trotzdem noch. Es folgten Informationsbeschaffung ihrerseits und wir brachten jeden Abend einen Teller unseres Essens nach unten. Der Käse ist jetzt verschwunden und auch „Opa“ wagt den Versuch, sich vegan zu ernähren. Und von dem hätte ich es am wenigstens erwartet – einfach toll! Ein Freund von uns kündigte an, nach seiner Prüfungsphase zumindest vegetarisch auszuprobieren. Darauf werde ich ihn festnageln. Und auch andere Menschen werden sich jetzt, wenn auch zwangsweise, Gedanken darüber machen. Denn völlig die Augen verschließen geht ja auch nicht, wenn es die eigene Familie betrifft. Ich kann nur jeden dazu auffordern, einfach mal über den Tellerrand zu gucken. Es muss ja nicht ganz oder gar nicht sein, aber schon der Versuch kann unheimlich bereichernd sein. Nur so kann man merken, dass man einige Fleischprodukte vielleicht gar nicht braucht. Oder dass Pflanzenmilch im Müsli viel besser schmeckt als normale.

4.) Halbzeit

Knapp die Hälfte des veranschlagten Zeitraumes ist jetzt vergangen. Ich spreche nicht nur für mich, wenn ich sage, dass die bisherige Zeit unglaublich positiv für uns war. Es ist nicht abzusehen, dass wir nach diesem Monat das Handtuch werfen. Ich hoffe es zumindest nicht. Es bringt unheimlich viel Spaß, Neues auszuprobieren und auch sich gemeinsam Gedanken zu machen. Es ist vielmehr zu einem Miteinander geworden – wir beide sind zu glücklicheren Menschen geworden. Und warum sollten wir das später wieder aufgeben? Außerdem bin ich ja immer dafür zu haben, etwas Stunk zu machen. Ich provoziere gerne und gehe auch keinem Streitgespräch aus dem Weg. Und gerade weil ich meinen Standpunkt gerne gegenüber anderen verteidige, habe ich kein Problem mit dem Gegenwind, der uns entgegen weht. Darüber hinaus merke ich immer mehr, dass dieser Versuch zu einer echten, andauernden Überzeugung wird. Ich würde nicht so wütend werden über Andere, wenn es mich nicht berühren würde. Sehe ich ein Stück Fleisch, denke ich nicht mehr „Lecker“ sondern „Bäh!“ und sehe das lebendige Tier vor mir. Heute war Einweihungsfest – wir mussten unser eigenes Essen mitbringen, die Gastgeberin war „überfordert“ (Zitat). Völlig in Ordnung. Ich verlange von niemandem, sich nur unseretwegen in die vegane Küche einzulesen. Ich brauche keine Extrawurst, denn ich bringe sie mir mit. Das nervt ein wenig, finde ich aber nicht schlimm. Inzwischen gibt es ein so großes Angebot an veganen Gerichten und Produkten, dass sich immer eine Alternative finden lässt, mit der alle glücklich werden. Und vielleicht schaffen wir es ja, mit positivem Vorbild voranzugehen, Alternativen aufzuzeigen und Geschmack auf mehr Gemüse und weniger Fleisch zu machen.

 

14 Gedanken zu “Einen Monat vegan ernähren – ein Zwischenfazit

  1. So tol lgeschrieben – spricht mir zu 100% aus der Seele. Genau so ist es. Vor allem Punkt 2!!! Und natürlich auch der Rest. So ist es – nie zuvor so abwechslungsreich gegessen. Die anderen Menschen wissen gar nciht, was sie verpassen.. ich kann euch nur aufmuntern: weiter so!

  2. Finde eure Entscheidung für den Testmonat sehr mutig! Und freue mich sehr darüber, dass es Euch schmeckt 🙂 Deinen Ärger kann ich sehr gut verstehen weil ich den auch kenne und bin dankbar, dass du dich von den Tierrechtsthemen berühren lässt und ihr daraufhin gerade euren Konsum ändert. Euer Beispiel zeigt, wie ich finde, sehr schön, dass die Umstellung pflanzenbasiert zu essen nicht nur die Ernährungsgewohnheiten betrifft sondern man gehört plötzlich zu einer Minderheit, man hat sein Bewusstsein weiter geöffnet als vorher, man hat sich entschieden sich dem Leiden der Tiere zu öffnen in dem man hinschaut und man riskiert Beziehungen (und seien es auch „nur“ die zu anderen Kindergarteneltern). Somit geht es nicht nur um eine Verhaltensänderung. Und genau deshalb schrecken viele unserer Mitmenschen vor dieser Veränderung zurück. Meine Bitte: Sei gnädig mit ihnen. Moralische Argumente führen meist (wenn nicht immer) dazu, dass das Gegenüber eine Abwehrhaltung einnimmt. Bitte nimm die folgenden Sätze als Anregungen, nicht als Kritik! Versuche eher über den Weg Gesundheit zur argumentieren oder über guten Geschmack. Auch wenn dir die Leben der Tiere am meisten am Herzen liegen, können sich Menschen eher öffnen, wenn sich nicht den Eindruck haben beschämt zu werden oder wenn ihnen jemand sagt was sie Essen sollten. Zwei meiner großen Vegan-Vorbilder sind Melanie Joy (sie hat den Begriff Karnismus geprägt und mir geholfen empathischer mit meinen nicht-veganen Mitmenschen sein zu können) und Tobias Laennert (auch bekannt als „The Vegan Strategist“) mit seinen Überlegungen/Anregungen wie man sich noch effektiver für Tiere einsetzen kann. Falls du mehr von ihnen lesen möchtest: beide haben Bücher geschrieben, Blogs, Websites und es gibt auch auf Youtube Videos von Vorträgen. Und wenn dir jemand nächstes Mal mit einem richtig blöden Kommentar kommt – erinnere dich an die Zeit, in der du selbst Fleisch- und Milchprodukte gegessen hast (und das völlig ok fandest). Vielleicht kannst du es so hinbekommen, dass du den Konsum deines Gegenübers verurteilst aber nicht die Person… Beim debattieren wirst du mit veganen Argumenten immer gewinnen, aber niemand hat Lust zu verlieren. Deshalb eher versuchen ein ehrlich interessiertes Gespräch aufzubauen. Herzlichen Gruß!

    • Ich danke dir für diesen sehr netten Kommentar. Deine Anregung nehme ich sehr gerne an – ich habe ja selbst erkannt, dass ich damit oft nicht umgehen kann und das Thema schnell emotional werden kann. Oftmals entgleist es dann schnell in eine nicht mehr sachliche Ebene. Und wer bin ich, der jetzt nach morgen 33 Jahren seit zwei Wochen einen Sinneswandel hatte und dann so redet, als wäre er sein Leben lang Veganer gewesen.
      Das Thema Gesundheit ist, im Gegensatz zu den anderen, eines was einen direkt betrifft. Das Tierleiden hat keinen unmittelbaren Effekt auf den Menschen – die Gesundheit allerdings schon. Aber auch dieses Thema ist schwierig, da hier oftmals das Wissen fehlt. Dass eine Tüte Chips am Abend nicht gut ist, weiß jeder. Machen trotzdem viele. Und ich möchte mich eben auch nicht als Oberlehrer aufspielen und jedem beim Thema eine Ernährungsberatung geben. Wenn ich in ein paar Monaten meinen BMI um hoffentlich mindestens 8 Punkte gesenkt habe, hoffe ich allerdings auf einen größeren Effekt auf meine Mitmenschen. So hat es ja auch bei den „Medienveganern“ geklappt: die eigene Erfolgsgeschichte als Vorbild. Ich erhoffe mir damit einen großen Effekt auf meine Mitmenschen.
      Ich weiß aber jetzt schon, was bald kommen wird:
      Eine erfolgreiche Diät mit Fleisch wird als toller Erfolg beachtet.
      Abnehmen durch eine pflanzenbasierte Vollwerternährung als ungesundes Abmagern durch Hungern- Wetten!? 😉
      Die beiden Personen schaue ich mir an.
      Die Melanie Joy ist öfters in den genannten Dokus zu sehen, oder? Die ist uns auch sofort positiv aufgefallen!
      Lieben Dank nochmal für den Kommentar, ich würde mich über ein weiteres Verfolgen und Kommentieren sehr freuen.

      • Möchte dir kurz danke sagen für die Zeit, die du dir für die ausführliche Antwort genommen hast. Von den genannten Dokus habe ich nur „What the Health“ gesehen, weiß daher nicht ob sie in den anderen dabei ist. Hier findest du eine Zusammenfassung/Einführung zu Karnismus: http://www.karnismus-erkennen.de/
        Ihr Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ kam 2013 raus. Sie bringt aber ungefähr innerhalb des nächsten Monats ein neues Buch raus – den Titel weiß ich leider nicht! – aber für dich vielleicht sehr interessant (für mich auch) weil es auch darum geht wie man das Thema Veganismus in (engeren) Beziehungen transportiert, mit unterschiedlichen Sichtweisen umgeht (z.B. sie nicht mit Mangel an Empathie oder kognitiven Fähigkeiten gleichzusetzen) und wie man empatisch bleiben kann. Ansonsten bildet sie auch Aktivist_innen fort in effektiver Kommunikation und nachhaltigem Aktivismus.
        Tobias Leenaerts neues Buch kam vor ein paar Tagen raus: „How to create a vegan world. A pragmatic approach“. Er beschäftigt sich viel mit dem Thema, mit welchen Strategien kann man das meiste/noch mehr für Tiere erreichen und bezieht auch Aspekte des effektiven Altruismus mit ein. Das hat ja noch alles Zeit. Gerade seid ihr ja bei der Frage: How/If to create a vegan family… Alles Gute Euch auf Eurem Weg! Habt viel Freude dabei 🙂

  3. Hey ihr vier,

    Ich lese jetzt seit einiger Zeit sehr interessiert in eurem Blog und finde immer wieder spannende Ideen und Ansätze. Besonders toll finde ich auch eure Bereitschaft Dinge reflektiert und differenziert zu betrachten und auch zu diskutieren. Euer Standpunkt ist nicht in Stein gemeißelt und ihr überdenkt auch eure Ideen, wenn sich die Fakten ändern.

    Ich finde es ganz super, dass ihr diesen Lebenswandel vollzieht, auch wenn es derzeit nur zur Probe ist. Den Versuch vornehmlich vegan zu leben, habe auch ich vor einiger Zeit gestartet, allerdings haben sich tierische Produkte recht rasch wieder eingeschlichen. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass ich tierische Produkte nicht kategorisch vom Speiseplan verbannt habe. Mein großes Problem ist nämlich meine Tochter. Die Kleine ist fast genauso alt wie eure Kleinste und isst, auch wenn sie noch nach Bedarf gestillt wird, am Familientisch mit (BLW). Fast alles was wir essen, bekommt auch der Zwerg und genau hier begann auch mein Problem mit einer rein veganen Ernährung. Wie genau stelle ich eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 bei einem Baby sicher? Reicht die Versorgung über die Muttermilch im 1. Lebensjahr? Wie ist es danach? Die Folgen eines B12 Mangels können immens sein und waren für mich Grund genug, den Konsum von tierischen Produkten nicht kategorisch abzulehnen, ihn aber sehr wohl drastisch zu reduzieren. Wie löst ihr das B12 „Problem“ bei der Ernährung eurer Kinder?

    Natürlich ist die Anzahl Veganer Alternativen in den letzten Jahren um ein vielfaches gestiegen, allerdings stoße ich hierbei immer wieder auf zwei Dinge, die mir immer wieder ein wenig sauer aufstoßen. Das eine ist die starke Präsenz von Sojaprodukten in veganen Lebensmitteln. Natürlich wird der Großteil des Sojaanbaus als Viehfutter verwendet, dennoch bin ich nicht gerade erfreut über die Rodung von Regenwald zum Anbau von Soja. Ich denke auch hier sollte man im Sinne der Nachhaltigkeit Stellung beziehen und über einen verantwortungsvollen Konsum von Sojaprodukten nachdenken.
    Das andere ist die starke industrielle Verarbeitung veganer Produkte im Lebensmittelhandel. Viele Produkte sind leider voll von Aromen, Geschmacksverstärkern und anderen problematischen Inhaltsstoffen. Da ich nur sehr ungern industriell stark verarbeitete Lebensmittel zu mir nehmen mag, fallen häufig eine ganze Reihe veganer „Alternativen“ weg. Mich würde interessieren, wie ihr mit dieser Thematik umgeht.

    Das alles sind natürlich keine Gründe die gegen einen veganen Lebensstil sprechen, sondern nur Gedanken, die mir bei der Auseinandersetzung mit der Thematik gekommen sind.

    • Hallo Jackie!
      Erst einmal herzlichen Dank für den langen Kommentar und den Lob an uns.

      Zu unserer Kleinsten: Leider konnte Antonia nicht stillen, wir sind daher leider gezwungen gewesen, auf Flaschennahrung umzustellen. Dies führte sehr schnell zu Problemen mit der Verdauung. Sie hatte starke Schmerzen. Die Lösung war hier der Umstieg auf Ziegenmilch, welches es ja ebenfalls als Pulverform gibt. Von vielen verschrien, jedoch unserer Meinung nach haltlos. Sie hat ihr sehr gut geholfen und sie erfreut sich bester Gesundheit. Recht schnell entwickelte sie sich aber auch zur Mitesserin, bereits mit fünf Monaten begann sie, neidisch auf unser Essen zu sein. Wenn jemand etwas gegessen hat, dann wollte sie es auch. Das hat sich auch nicht geändert, und inzwischen werden einige Mahlzeiten einfach mitgegessen. Morgen wird sie 10 Monate alt.
      Zunächst einmal sehe ich erst einmal kein Problem darin, wenn sowohl Muttermilch/Flaschenmilch als auch anderes Essen gegessen wird. Ganz im Gegenteil, ich habe jetzt sogar ein deutlich besseres Gefühl dabei. Früher hat sie ein Schnitzel mitgegessen (das ging teilweise gar nicht anders) – heute Paprika, Brokkoli, Blumenkohl, Kartoffeln, Möhren, etc. Nach meiner Recherche führte so eine, ich nenne es mal Hybridernährung, zu keinerlei Problemen. Wir haben auch vorher nicht in jeder Mahlzeit Fleisch oder Milch gehabt – sie hat püriertes Gemüse bekommen. Nicht jeder, der seine Nahrung selbst herstellt, haut sich auch Fleisch in den Mixer (zumal sich dieses sowieso nicht halten würde). Und wenn man sich selbst bei den Fleischgläschen oder den Rezepten für Fleischgerichte für Babies die Zusammensetzung anschaut, dann können die 2% Fleisch darin den Kohl auch nicht fett machen.
      Rein auf das B12 bezogen hätte ich darüber hinaus auch kein Problem damit, das zu supplementieren. Eine Überdosierung soll hier ja nicht schädlich sein, und warum nicht auch einen Tropfen B12 in das Essen? Hierzu findet man eine Menge im Netz.
      Ich habe allerdings ein größeres Problem damit, alle anderen Nährstoffe auch im Blick zu haben, wenn es um vegane Kinderernährung geht. Selbst wenn ich nur Gerichte zubereiten würde, welche absolut ideal ausgewogen wären – es kommt ja trotzdem vor, dass die Kinder bestimmte Dinge einfach nicht mögen. Außerdem haben sie einen ständig wechselnden Bedarf. Ich möchte sie auch nicht jedes halbe Jahr zum Arzt zur Blutabnahme schicken, das könnte ich auch nicht verantworten.
      In meinem Beitrag zur Kinderernährung habe ich das Problem ja bereits geschildert und noch immer keine befriedigende Antwort darauf gefunden. Bisher halten wir es ja so, dass sich die Kinder ernähren dürfen, wie sie wollen und können. Dennoch hat sich natürlich der gesunde Anteil des Essens deutlich erhöht und der ungesunde reduziert (auch über Tierprodukte hinaus, da wir im Allgemeinen nun mehr auf die Gesundheit achten). Unsere Tochter ist am Wochenende meistens mit uns und den anderen Großeltern unterwegs, da darf sie auch Fleisch essen.
      Ich werde mir demnächst die Frage stellen müssen, wie viel Supplementierung vertretbar ist, ob es überhaupt schadet, oder es völlig in Ordnung ist, wenn sie einen Vitamincocktail bekommt, den sie vielleicht überhaupt nicht braucht.
      Ich gebe aber zu, dass ich momentan noch nicht genug belesen dafür bin. Ich werde die nächste Woche dafür nutzen, mich nach verlässlichen Quellen umzuschauen. Gerne werde ich dann noch einen weiteren Beitrag posten!

      Bzgl. der industriellen Verarbeitung: Ich gebe dir da vollkommen recht. Vegan heißt weder gesund, noch absolut verantwortungsbewusst zu leben. Ich bin mir jedoch sicher, dass eine vegane Ernährung selbst mit industriell verarbeiteten Sojaprodukten immer noch DEUTLICH umweltverträglicher ist, als die Alternative. Ich sehe diese Produkte vor allem als eines: Eine Erleichterung des Übergangs vom Omnivoren zum reinen Veganer, welcher vollwertig isst. Der Schritt von Kuhmilch direkt zu Pflanzenmilch ohne Zusätze ist extrem. Meine Sojamilch mit ein paar zugegebenermaßen fragwürdigen Zusätzen hilft mir aber dabei, mich daran zu gewöhnen. Und irgendwann werde ich auch die Aromastoffe nicht mehr brauchen. Darüber hinaus achte ich bei den Produkten aktuell sehr auf die Herkunft. Über beinahe jedes Produkt informiere ich mich eingehen. So gibt es natürlich auch Soja, für welches kein Regenholz abgeholzt wird. Und nachdem ich gelesen habe, dass Lupinen die bessere Alternative sein sollen, da heimisch, werde ich mich auch dort ausprobieren.

      Liebe Grüße,
      Philipp

  4. Hey liebe Jackie,
    möchte dir ein Buch empfehlen mit fundierten Antworten zu deinen Fragen bezüglich der B12 Versorgung deiner Tochter: „Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost: Mutter und Kind gut versorgt“ von Dr. Markus Keller und Edith Gätjen.
    Zu dem Sojathema möchte ich hinzufügen, dass wenn du Tofu von z.B. der Firma Taifun kaufst es garantiert aus Europa kommt und dafür keine Regenwälder abgeholzt werden. Taifun Tofu gibt es in jedem Bioladen und Reformhaus.
    Tofu, Tempeh, Linsen und Bohnen gehören für mich zu den nicht stark verarbeiteten „Fleischalternativen“. Du kannst einfach den Schwerpunkt auf diese setzen. Selten kaufe ich veganen Joghurt oder eine Quarkalternative. Käsealternativen kaufe ich gar nicht und mache käseähnliche Sachen mit Nüssen (vorrangig Cashews oder Nussmus). Auch beim sog. Eiersatz hast du die Wahl auf natürliche Dinge zurückzugreifen wie Apfelmus, gemuste Banane, Chiasamen, Leinsamen, Kichererbsenmehl etc. Ja es gibt mittlerweile viele Convenienceprodukte in vegan. Der einzige Grund warum ich mich darüber freue ist weil sie es manchen leichter machen sich an den Umstieg heranzuwagen. Gesund sind sie sicher nicht, dennoch gesünder als Fleisch- und Milchprodukte (https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/fleischalternativen-im-test). Wieviele du/ihr davon in eure tägliche Ernährung einbaut ist komplett euch überlassen. Notwendig sind sie nicht. Je nachdem wie englisch-affin ihr unterwegs seid möchte ich euch noch die seite von dr. greger empfehlen: http://www.nutritionfacts.org Kommt gut in die neue Woche und bleibt offen, kritisch und inspiriert 🙂

  5. Hallo Philipp,

    Das klingt ja so als hättet ihr schon ausgiebig über die verschiedensten Aspekte recherchiert.

    Du hast natürlich vollkommen recht mit der Anmerkung, dass eine Ernährung ohne tierische Produkte noch immer umweltfreundlicher und nachhaltiger ist, als eine auf tierischen Produkten basierende Ernährung. Ich denke aber auch, dass es schön wäre, wenn die Alternativen zu Sojaprodukten auch etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen würden, damit nicht jeder bei vegan/vegetarisch als erstes an Soja und Tofu denkt, sondern auch die Vielfalt einer Pflanzen basierten Ernährung deutlicher wird.

    Unser Speiseplan enthält schon lange nicht mehr täglich Fleisch und Milchprodukte und ich bin mir auch sicher, dass es so gesünder ist und so gut wie alle Nährstoffe trotzdem abgedeckt werden können, wenn nicht sogar besser (Stichwort Chicken McNuggets und zwei Kugeln Eis).

    Was die generelle Versorgung von Kindern mit Nährstoffen angeht, glaube ich, dass Kinder uns sehr gut zeigen können, was ihr Körper braucht, wenn wir es ihnen nicht aberziehen. Oft hab ich von Müttern gehört, die verzweifelt ihren Kinderarzt nach Rat fragten, weil das Kind nur Karottenbrei essen wollte oder nur Butterbrot. Meistens bekamen sie den Rat, dass Kinder sich schon das holen, was sie brauchen. Ich denke, dass eine vorwiegend pflanzliche Ernährung für Kinder mehr Vorteile als Nachteile bringen kann, solange sie ausgewogen und abwechslungsreich ist. Meine Tochter hat Phasen, da mag sie nur grünes Gemüse, während anderen ist sie lieber Brot und in wieder anderen nur Bananen. Ich glaube so holt sie sich die Nährstoffe, die ihr fehlen. Nur B12 ist mir ein Mysterium, vielleicht kann die Literaturempfehlung von Maria Licht ins Dunkel bringen.

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