Einen Monat vegan ernähren – von echten Ärztinnen und Hobbyärzten

Kurz nachdem unsere Testphase zur Hälfte vergangen war, habe ich einen ersten Arzttermin gehabt, da ich meine Nahrungsumstellung ärztlich begleiten lassen wollte. Leider habe ich bei der Terminabsprache nicht aufgepasst, also saß ich an meinem Geburtstag im Wartezimmer… Bereits im Vorfelde habe ich von der Problematik erfahren, dass Veganer*innen und Ärzt*innen oftmals nicht die besten Freunde sind, um es freundlich auszudrücken.

Über eine lokale Facebook-Gruppe habe ich dann angefragt, ob es Ärzt*innen gibt, die dem Veganismus gegenüber aufgeschlossen sind. Und tatsächlich – es gibt sogar eine Ärzteliste mit veganerfreundlichen Ärzt*innen. Nun kann man sich an dieser Stelle bereits fragen: „Kann Veganismus gesund sein, wenn es so schwierig ist, einen passenden Arzt zu finden?“. Dazu später noch mehr. Ich habe es allerdings vorgezogen, zur Ärztin zu gehen, die circa 10 Meter entfernt ihre Praxis hat. Ich muss zugeben, ich war aufgeregt – ich hätte nicht genau gewusst, wie ich reagieren sollte, wenn sie es negativ aufgenommen hätte. Der Termin war als „Termin wg. Gewichtsreduktion“ eingetragen – was zum Teil ja auch richtig ist, vom Veganismus habe ich bei der Terminabsprache noch nichts gesagt.

Ich wurde aufgerufen, setzte mich hin, einen Augenblick später betrat auch die Ärztin das Zimmer. Was ich von ihr wusste: Einige Jahre in China verbracht, an ihrem Schild steht auch „Akupunktur“, auch schwingt sie nicht so schnell die Chemiekeule wie andere Ärzte es tun. Sie nimmt sich viel Zeit für ihre Patient*innen – deswegen ist es leider oft recht voll dort. Hört sich also nach guten Voraussetzungen an, oder? Ich fing an zu erzählen, dass wir einen Sinneswandel hatten, dass ich auch abnehmen möchte und wir unsere Ernährung auf eine „pflanzenbasierte Vollwerternährung“ umgestellt haben. Und tatsächlich: anstatt in ein empörtes Gesicht zu blicken, erhellte sich ihre sowieso freundliche Miene. Sie selbst lebe seit unzähligen Jahren vegetarisch, nur Eier esse sie noch – von ihren eigenen Hühnern, die sie mit Bio-Urkörnern einer befreundeten Landwirtin füttert. Bingo! Sie kannte alle aktuellen Studien, erzählte mir von der mir bereits bekannten China Study, kannte alle Fallen bezüglich einer Mangelernährung. Ihr war vor allem wichtig, den Aspekt der Vollwertigkeit auch bei einer veganen Ernährung im Blick zu behalten. Sie klärte mich über den Unterschied zwischen fett- und wasserlöslichen Vitaminen auf und versicherte mir ihre Unterstützung bei dem Vorhaben – besser konnte es also gar nicht laufen.

 

Natürlich wusste sie, dass wir auch zwei Kinder haben – auch hier hat sie die Einstellung, dass eine vegane Ernährung von Kindern sehr gut möglich sei. Dass diese jedoch etwas schwieriger sei und weniger gut erforscht. Da wir aber beide Kinder nicht voll vegan ernähren war es an dem Tag kein Thema. Vor allem interessierte mich aber ihre Meinung, wie es sein kann, dass so viele Ärzt*innen daran festhalten, Fleisch und Milch seien essentiell für eine gesunde Ernährung. Ich hatte böse Verschwörungstheorien im Kopf (Ärzt*innen haben schließlich kein Interesse an gesunden Menschen). Diese treffen sicherlich auch teilweise zu, aber die Antwort war einfacher: Während ihrer gesamten Studienzeit hatte sie genau 0 (in Worten: Null) Seminare zum Thema Ernährung. Weder irgendwelche aktuellen Studien, noch sonst etwas. Ich weiß nicht genau, wie alt sie ist, morgen in Rente gehen wird sie allerdings nicht. In den Köpfen der Ärzt*innen ist also genau das, was in allen Köpfen steckt, die Werbeslogans der Industrie. Sie selbst hat sich eigeninitiativ Wissen zu diesem Thema angeeignet und kritisch die typische Ernährung in den Industriestaaten in Frage gestellt. Hinzu kommt, dass sie auch ethisch den Verzehr von Tierprodukten nicht vertreten kann. Ich denke jedoch, dass in vieler Leute Köpfe Ärzt*innen unfehlbar sind. Alles, was Ärzt*innen sagen, stimmt. Empfehlen sie eine Behandlung, wird es gemacht – schließlich steht ein Dr. vor dem Namen und wer bin ich kleine Wurst, das in Frage zu stellen. Trotz allem darf man nicht vergessen, dass auch sie genauso ihr Geld verdienen, wie provisionsbasierte Verkäufer*innen. Je teurer die Behandlung, desto mehr verdienen Ärzt*innen. Und schaut man sich dann die Zahlen an, wie viele unnötige Operationen in Deutschland vorgenommen werden, untermauert es das natürlich. Soll nicht heißen, dass alle Ärzt*innen unehrlich sind und nur ans Geld denken – aber die Entscheidung zwischen „Geld verdienen“ und „kein Geld verdienen“ lässt sicherlich bei vielen das Wertegerüst wackeln.

Nun war es eigentlich mein Anliegen, dass sie ein Check-up macht. Das fiel leider kurz aus: „Wie fühlen sie sich?“ Als ich antwortete, dass ich inzwischen über 7 kg abgenommen habe, mich viel fitter fühle, wacher bin und es ausschließlich positive Effekte gibt, war er auch schon abgeschlossen. Ein Check-up zu diesem Zeitpunkt würde keine guten Ergebnisse liefern, da einige Werte zu träge sind und die Tests daher kein sinnvolles Resultat liefern würden. Und einen gesunden Menschen derart zu untersuchen könne sie auch nicht rechtfertigen. Ich habe nun in 10 Wochen einen Termin, bei dem dann das volle Programm gefahren wird. Auch wenn nun die Ärztin an diesem Tag gar nichts gemacht hat – ich war sehr erleichtert. Auch wenn ich sowieso überzeugt war, dass eine vegane Ernährung sehr gesund ist – ich bin froh, eine Ärztin zu haben, die so dahintersteht. Die nicht jede zukünftige Erkrankung auf die „falsche Ernährung“ schiebt.

 

Auf der anderen Seite bin ich jedoch erstaunt, wie sich viele Leute in unserem Umfeld zu echten Spezialisten entwickelt haben. Menschen, die sonst eher wenig von einer ausgewogenen Ernährung verstehen, kramen nun alte Schubladen aus und werfen mit Weisheiten um sich. Die Urgroßmutter ist empört, das Kind muss doch Eier und Milch essen (wegen der Knochen). Ohne Fleisch wächst man nicht, wo sollen denn die Proteine herkommen. Und auch mit Schnelldiagnosen wird aus der Hüfte geschossen. So ist der Wunsch unserer Tochter nach einer Scheibe Käse Anzeichen einer Mangelernährung. Früher wäre es „der Wunsch unserer Tochter nach einer Scheibe Käse“ gewesen. Es erscheint beinahe so, als würden viele Mitmenschen krampfhaft versuchen, unsere Entscheidung als die falsche darzustellen. Sie sehen dann eine Mission, den Veganismus und seine Folgen in Frage zu stellen oder schlecht zu machen. Aber warum passiert das?

Hätte Amazon sein Prime-Versprechen eingehalten, wäre heute das Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus – eine Einführung“ von Melanie Joy in unserem Briefkasten gewesen. Das Buch habe ich demnach noch nicht gelesen, jedoch einige Textpassagen und Vorträge von ihr lesen bzw. sehen können. Sie beschreibt den von ihr eingeführten Begriff des Karnismus als eine Art System, welches uns gestattet, ohne Reue Fleisch zu essen. Um dieses System aufrechtzuerhalten, haben wir Abwehrmechanismen entwickelt (Ich empfehle jedem an dieser Stelle diesen Vortrag (mit deutschen Untertiteln, knapp 20 Minuten), da wird es deutlicher). Und genau mit diesen Mechanismen haben wir es hier zu tun. Mit unserer Einstellung, ich schrieb es schon in meinem vorherigen Beitrag, beziehen wir Stellung. Und sofort wird ein ganzes Repertoire an Gründen ausgepackt, um seinen eigenen Standpunkt zu verteidigen. Dann bin ich plötzlich kein Tierfreund mehr, sondern ein Pflanzenmörder.


Ich würde mir einfach wünschen, dass meine Mitmenschen deutlich besser informiert sind. Es macht einfach keinen Spaß, immer wieder die gleichen Argumente zu hören. Ich suche nun einen Weg, dieses Wissen einzustreuen, ohne dass es sofort zum Streitgespräch kommt. Ich bemerke häufig leider, dass kein Interesse besteht – sich damit zu beschäftigen könnte ja bedeuten, dass man sein eigenes Wertesystem in Frage stellen muss, und das wäre doch blöd… oder?

 

Lest auch meine anderen Beiträge zum Thema Veganismus, über Kommentare freue ich mich sehr!

7 Gedanken zu “Einen Monat vegan ernähren – von echten Ärztinnen und Hobbyärzten

  1. Hey Philipp,

    herzlichen Glückwunsch zu der aufgeschlossenen Ärztin. Dann macht das alles gleich viel mehr Spaß, oder? 🙂 Möchte dir eine weitere mögliche Interpretation dalassen.
    Du schriebst: „Es erscheint beinahe so, als würden viele Mitmenschen krampfhaft versuchen, unsere Entscheidung als die falsche darzustellen. Sie sehen dann eine Mission, den Veganismus und seine Folgen in Frage zu stellen oder schlecht zu machen. Aber warum passiert das?“

    Das habe ich am Anfang meines Vegetarismus mit 15 Jahren oft gehört und auch so gesehen. Dachte, andere wollen mir meine, sich für mich richtig anfühlende und durchdachte, Entscheidung madig machen. Jetzt denke ich, die wollen mir gar nix, die versuchen nur – wie jeder andere Mensch es auch tun würde – ihr gutes Selbstbild aufrecht zu erhalten. Jede_r möchte sich als guten Menschen wissen, der/die, die bestmöglichen Entscheidungen zum Wohle aller trifft. Und jetzt kommst du (oder jemand anders) mit deinem neu entdeckten, erweiterten Mitgefühl für „Speisetiere“ und da bröckelt ihr Selbstbild und ich glaub damit fühlt sich niemand so wirklich wohl. Als Ablenkungsversuch artet das dann in Kritik an deinen/euren neuen Entscheidungen aus. Nimm es nicht persönlich (auch wenn es schwer ist). Bleib bei deiner Wahrheit. Du darfst erstaunt, genervt, ärgerlich, gelassen sein, alles was du willst.

  2. Ich möchte mich dem Kommentar von Maria anschließen. Es ist so, als ob kurz eine Tür aufgeht und man einen Blick auf eine unmögliche Wahrheit wirft: es kann nicht sein, dass ich guter Mensch mich falsch ernähre und der da (der komische essgestörte Veganer) hier solche unmögliche Un-Wahrheiten verbreitet… oder aber ich verschließe meine Augen vor den Folgen meines Tuns. Aber irgendwann blinzle ich… Und ich muss mich den Folgen meines Tuns stellen. Das ist dann meistens der Beginn….

  3. Hallo, ein sehr schöner Beitrag. Und mitten aus dem Leben .
    Ich lebe jetzt ein gutes Jahr vegan (Ausnahme 3 Wochen Mütterkur, da ging leider nur vegetarisch).
    Auch ich treffe sehr viele „Ernährungsspezialisten“ unter meinen Freunden, Bekannten und Kollegen. Es ist vorher einfach nicht abzuschätzen wer wie reagiert, bei manchen war ich positiv über das Interesse überrascht, andere äußerten sich derart abfällig und unwissend dass es wirklich erschreckend war.
    Eine Reaktion gibt es allerdings immer! Hätte ich vorher nicht gedacht!
    Eine häufig gestellte Frage ist „und die Kinder? Müssen die auch?“
    Meine Kinder sind 19, 21 und 23, also erwachsen und entscheiden selbst. Das einzige was ich bedauere, ist, nicht schon eher vegan geworden zu sein und das ich meinen Kids anderes vorgelebt habe.
    Viele Grüße

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