Bilderbuchrezension: Warum wir keine Tiere essen

Wir sind alle Erdenwesen – Earthlings kindgerecht

Wie können wir unseren Kindern anschaulich erklären, warum wir fortan vegan leben?

Das ist für uns eine der kniffligsten Herausforderungen in unserem neuen Dasein als Veganer*innen. Ganz sicher werden wir mit unseren Töchtern (Muckel ist 4 Jahre alt, und Minimuckel ist 10 Monate jung) nicht gemeinsam den Film „Earthlings“ gucken. So wichtig und eindringlich dieser Film auch ist – er ist voller Gewalt, welche selbst ich als Erwachsene noch nicht einmal 5 Minuten ertrage. Aber das Anliegen dieser Art von Dokumentationen sollte nicht verschwiegen werden: Das Leid, welches wir „Erdlinge“ unseren Mitgeschöpfen antun, darf nicht unter den Teppich gekehrt werden. Wie aber können diese unvorstellbaren Grausamkeiten so dargestellt werden, dass Kinder nicht sofort verschreckt werden, aber dennoch begreifen, dass da etwas gewaltig schief läuft auf der Welt?

Der amerikanischen Künstlerin Ruby Roth ist diese Gratwanderung in meinen Augen gelungen. Sie ist selbst Veganerin und während ihrer Arbeit als Kunstlehrerin fiel ihr auf, dass Kinder ein reges Interesse am Veganismus und gesunder Nahrung hegen. Aus diesem Grund schrieb und zeichnete sie ihr erstes Kinderbuch „Warum wir keine Tiere essen. Ein Buch über Veganer, Vegetarier und alles Lebendige“.

Wie der Untertitel schon verrät rückt Ruby Roth das Leben selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit. Gleich die erste Doppelseite des Buches weckt in mir Assoziationen zur Schöpfungsgeschichte. Neben der bildlichen Darstellung der Erde findet sich ein recht langer „Prolog“, der quasi die Pointe des Buches schon vorweg nimmt:

„Alle lebenden Wesen teilen miteinander den Wunsch nach Leben und Entwicklung. Wir sind alle Erdenwesen. […] Wir streben danach in einer Welt zu leben, wo jedes Erdenwesen das Recht auf Leben und Entwicklung hat. Darum essen wir keine Tiere.“

Das „Wir“ erleichtert die Identifikation enorm – ohne belehrend oder moralisch zu wirken. Denn so ist es eben: Alle Menschen – wir alle – sind Erdlinge. Fortan ist das Bilderbuch nicht als ein Erzählbuch aufgebaut, mit einer fortlaufenden Handlung, sondern vielmehr als Sachbuch. Anhand unterschiedlichster Tierbeispiele wird das Prinzip von Massentierhaltung den Kindern anschaulich erklärt. Dies geschieht immer in einem Zweischritt: Zunächst wird erklärt wie das entsprechende Erdenwesen ganz natürlich leben würde. Darauf folgt dann die Beschreibung des Lebens in Tierfabriken, beispielsweise bei Puten:

„Wenn der Mond aufgeht, fliegen wilde Puten auf die Baumwipfel und ruhen dort gemeinsam zur Nacht, sich mit ihren Flügeln gegenseitig bedeckend.

In Tierfabriken können sie niemals ihre Flügel benutzen. Die Puten werden für die Fleischproduktion aufgezogen und fett gefüttert, bis sie zu schwer zum Fliegen sind.“

Diese Gegenüberstellungen empfinde ich als sehr gelungen, da sie (zumeist) auf der informativen Ebene verbleiben und die Reflexion bzw. Wertung den Leser*innen überlassen. Selbstredend werden diese aber durch die eindrücklichen und wirklich wunderschönen Bilder in eine bestimmte Richtung gelenkt. Vor allem die Informationen zu der natürlichen Lebensweise der vorgestellten Erdenwesen (Haustiere, Hühner, Puten, Wachteln, Enten, Gänse, Schweine, Kühe, Fische) haben mich in vielerlei Hinsicht positiv überrascht: So wusste ich beispielsweise schlichtweg nicht, dass Hennen und ihre Küken miteinander im Nest „gurren“, noch bevor die Eier ganz ausgebrütet sind! Dass Kühe stolz und nachtragend sein können, Puter tanzen und gemeinsam trauern, war mir ebenfalls neu und erweiterte meine Perspektive enorm. Schließlich gibt es auch noch etliche Informationen zum Regenwald und dem Aussterben von Tieren. Das Bilderbuch ist demnach schon ein kleines „Kompendium“ und nicht mal eben schnell „durchgeblättert“.

Da es sich ja ausdrücklich um ein Kinderbuch handelt, welches letztlich Gewalt thematisiert, ist es an dieser Stelle vermutlich vor allem für Eltern interessant, was eigentlich dargestellt wird und was nicht. In diesem Sinne folgt hier eine kurze Zusammenfassung:

Kinder sehen und lesen/hören …

  • dass niemand sein Haustier essen würde.
  • wie unterschiedliche Tierarten in freier Natur leben.
  • wie unterschiedliche Tierarten in Tierfabriken leben.
  • wie wenig Platz Tiere in Tierfabriken zur Verfügung haben.
  • wie allein und isoliert Tiere in Tierfabriken leben müssen.
  • dass es in Tierfabriken keine Familien gibt und Babys dort nicht bei ihrer Mutter sind.
  • dass Tiere in Tierfabriken viele Verletzungen aufweisen (die manchmal aber nur zeichnerisch angedeutet sind).
  • dass Tiere von Menschen aus Eigennutz gequält werden (z.B. Wachteljagd).
  • dass Menschen ihren eigenen Lebensraum für Fleischkonsum zerstören (Regenwald/Meere).

Kinder sehen und lesen/hören NICHT …

  • wie Tiere sterben bzw. geschlachtet werden. Es werden weder Schlachthöfe noch Tötungsvorgänge gezeigt.
  • wie Tiere verstümmelt werden, damit sie „effektiver“ gehalten werden können.
  • dass der Konsum tierischer Proteine die Gesundheit des Menschen negativ beeinflussen kann.

Summa Summarum: Der Tod der Tiere wird nicht thematisiert, wohl aber das Leid der Massentierhaltung in abgemilderter Form. So ist es für unsere Zwecke genau richtig. Leider wird die gesundheitliche Dimension des Konsums tierischer Produkte völlig außer Acht gelassen. Der Fokus liegt eindeutig auf Tier- und Umweltethik.

Und für wen bzw. welches Alter ist dieses Buch geeignet? Unsere „große“ Tochter ist 4 Jahre alt, allerdings schon Richtung 5 Jahre. Mit ihr kann man dieses Buch prima schauen/lesen – allerdings nicht „am Stück“. Dafür stecken einfach viel zu viele Informationen drin und auch die Bilder evozieren viel Gesprächsbedarf. Vor allem die Tatsache, dass die Tierkinder von ihren Tiereltern getrennt werden und überhaupt keinen Platz zum Leben haben, hat unsere Tochter sehr berührt. Sie wollte genau wissen, wie es sich anfühlt, „keinen Platz zu haben“ und wir mussten es ihr am eigenen Leib (mit aller Vorsicht) zeigen.

Für jüngere Kinder würde ich dieses Buch nicht empfehlen. Die beschriebenen Zusammenhänge sind doch – trotz Simplifizierung – sehr komplex. Alleine sollten sich Kinder dieses Buch ebenfalls nicht anschauen. Ich kann dieses Buch jedoch vor allem Familien ans Herz legen, welche sich gerade in einer „Transformationsphase“ befinden und sich mit Veganismus/Vegetarismus (zum ersten Mal) intensiv befassen. In diesem Kontext ist das Buch ein toller Begleiter und Impulsgeber (am Schluss des Buches befinden sich sogar einige ganz konkrete Handlungsideen).

Die Illustrationen sind einfach genial. In diesem Sinne schließe ich meinen Beitrag mit einem Satz aus dem Bilderbuch:

„Wir (Erdlinge) müssen genau überlegen, welchen Einfluss unser Essen auf die Welt hat.“

Ruby Roth: Warum wir keine Tiere essen. Ein Buch über Veganer, Vegetarier und alles Lebendige, Echo Verlag, Göttingen 42017, 48 S.

9 Gedanken zu “Bilderbuchrezension: Warum wir keine Tiere essen

  1. Hallo Philipp,

    Das Buch klingt wirklich spannend und interessant und ich denke es stellt eine großartige Diskussionsbasis auch für größere Kinder und Jugendliche dar.

    Persönlich glaube ich aber, dass es vor allem bei kleinen Kindern oft schon ausreichend ist, wenn sie erkennen, dass für gewisse Produkte Tiere sterben müssen, um diese Produkte nicht mehr konsumieren zu wollen. Dafür bedarf es meiner Meinung nach kein Bilderbuch. Trotzdem bleibt dannn noch die Frage, wie erkläre ich meinem Kind, dass wir nicht nur keine Tiere essen, sondern auch keine Dinge, die wir den Tieren wegnehmen. Genau hier finde ich die in dem Buch dargestellten Haltungsbedingungen besonders wichtig, um zu verdeutlichen, dass diese Tiere, auch wenn sie leben dürfen, nicht das Leben leben, dass für sie natürlich wäre und darunter sehr leiden.

    Man muss hier aber in jedem Fall äußerst behutsam vorgehen. Unter Umständen sollte man darauf gefasst sein, dass das Kind möglicherweise unter Schuldgefühlen leidet, weil es bis zu einem gewissen Punkt Tierprodukte konsumiert hat und jetzt lernt, dass Tiere deshalb gelitten haben oder getötet wurden und sich für dieses Leid jetzt verantwortlich fühlt. Auch darf man nicht unterschätzen, dass Kinder Dinge anders wahrnehmen als Erwachsene. Wie kann denn die Tante/Oma/Kindergärtnerin/der Horst/Onkel/etc noch Fleisch essen? Warum ist der/die so gemein und böse, dass er/sie Tiere leiden lässt? Das Kind nimmt dadurch die Menschen in seinem Umfeld möglicherweise anders wahr und stellt für es wichtige Personen in Frage. Das kann sehr verunsichernd wirken. Natürlich birgt dieses Buch auch ein gewisses Alptraum-Potential, was man nicht außer Acht lassen sollte.

    Alles in allem ist es ein Buch mit einer sehr kraftvollen Aussage, mit der Kinder nicht alleine gelassen werden dürfen. Ich möchte das Buch aber in keinster Weise schlecht machen, sondern nur zu einem langsamen und vorsichtigen Vorgehen raten.

    Ich bin gespannt wie euer Muckel und vor allem euer Umfeld mit diesem Buch und der dahinterstehenden Thematik umgehen wird. Ich bin mir aber sicher, dass ihr euer Mädchen da ganz wundervoll hindurch begleiten werdet.

    Liebe Grüße Jackie

    • Liebe Jackie,

      hab vielen lieben Dank für Deinen wunderbaren Kommentar!

      Ich stimme Dir da voll zu – die Aussage des Buches ist wahnsinnig kraftvoll. Unsichtbares wird sichtbar gemacht und die „Normalität“ in Frage gestellt bzw. auf den Kopf gestellt. Da dürfen Kinder auf keinen Fall allein bleiben. Es bedarf natürlich nicht unbedingt eines Bilderbuches, um Kindern klar zu machen, dass für Fleisch Tiere sterben müssen. Ich empfinde Bücher – und gerade dieses Buch – jedoch als einen guten Dialogbegleiter, für einen Dialog, der natürlich vornehmlich zwischen Eltern und Kindern stattfinden muss (face-to-face).
      Und wir müssen verdammt gut aufpassen, dass wir nicht zu große Schuldgefühle bei Muckel produzieren. Uns geht es primär auch erst einmal darum Wahrnehmungen zu schärfen, zu hinterfragen und ggf. neu zu fokussieren.
      Wir sind auch sehr gespannt, wie sich das alles weiter entwickeln wird und werden Euch auf dem Laufenden halten! Vielen Dank für diese Möglichkeit des Dialogs!

  2. Jetzt muss ich mich auch noch mal zu Wort melden.
    Ich sehe das ähnlich wie Jackie, die das eigentlich sehr gut ausgedrückt hat, nur vielleicht noch etwas härter.

    Ich denke, dass dieses Buch, ob gut oder nicht, kann ich natürlich nicht beurteilen, frühestens für Kinder ab 10 Jahren geeignet ist. Und auch dann nur im Dialog mit Erwachsenen.

    Wie ihr, Philipp und Antonia, wisst, bin ich Vegetarierin. Meine Kinder essen hin und wieder Fleisch, welches ich auch auf ihren Wunsch hin kaufe.
    Würde ich meiner 7jährigen Tochter stattdessen erzählen, wie genau die Tiere, deren Teile (und noch nicht Mal deren beste Teile) in der bärchenwurst landen leben und leiden, würde sie die bestimmt nicht essen wollen.

    Aber ich erzähle ihr das nicht. Zum Einen möchte ich, dass sie auf die Gelüste ihres Körpers hört und ihnen nachgibt. Und zum Zweiten möchte ich ihre kleine Seele mit diesem Grauen nicht belasten.
    Ich bin niemand, der den Kindern etwas vorlügt, ich ermutige sie, wie ihr das mit euren Kindern ja auch tut, Dinge zu hinterfragen. Aber ich finde es ganz wichtig, abzuwarten, bis ein Kind die Frage für sich selbst formuliert und mir gestellt hat, bevor ich ihm antworte.
    Natürlich, war es schon soweit, dass meine große Tochter mich gefragt hat, warum ich kein Fleisch esse. Ich habe geantwortet, dass das zwei Gründe hat. Erstens schmeckt mir Fleisch nicht (das stimmt durchaus) und zweitens werden die Tiere, aus denen die Wurst gemacht wird, normalerweise nicht so gehalten, dass sie ein schönes Leben hatten vorher. Und das finde ich nicht fair den Tieren gegenüber. Das hat ihr absolut gereicht. Sie hat nicht weiter hinterfragt, wie genau die Tiere leben und ich habe es ihr auch nicht gesagt. Ich denke, sie wird mich das schon fragen, wenn sie soweit ist.

    Und dann wird sie vielleicht auch aufhören, Fleisch zu essen. Vielleicht entscheidet sie sich, vegan zu leben, dann werde ich ihr separat veganes essen kochen. Vielleicht entscheidet sie sich auch, Fleisch (hoffentlich biofleisch) zu essen, dann werde ich ihr auch diese Entscheidung lassen.

    Aber ich glaube nicht, dass diese Fragen und somit diese Entscheidung vor ihrem zwölften Geburtstag oder so kommen.
    Ich denke, dass es ein Selbstschutz der kindlichen Seele ist, die Kinder von vertiefenden Fragen zu grausigen Themen abhält.

    Und das möchte ich meinen Kindern lassen.

    Ich kenne Muckel natürlich nicht so gut, wie ihr, daher weiß ich natürlich nicht, was ihre Seele abkann, dazu hatte ich ja auch schon beim Halloween-Blogeintrag etwas geschrieben.
    Da haben wir vielleicht einfach andere Ansätze.

    • Nur kurz, da unterwegs:
      Du empfiehlst ein Lesealter, obwohl du das Buch nicht kennst? Finde ich schwierig… Zumal du dann auf einen Teil ansprichst, der in dem Buch gar nicht vorkommt (nämlich das Schlachten und Verarbeiten).

      Dein Satz, dass sie, wenn sie wüsste, wo das Fleisch herkommt, es nicht essen würde, könnte man ohne den weiteren Nachsatz stehen lassen. Wenn du dieser Meinung bist, warum gibst du es ihr dann?
      Stell dir vor, sie fragt mit 12 nach. Und ist dann angewidert, wie du ihr wissentlich so etwas geben konntest.
      Wenn deine Töchter von morgens bis abends nur Big Macs essen wollen würden, gibst du diesen Gelüsten dann auch nach?

      Dann noch etwas:
      Kein Kind hat „Lust“ Fleisch zu essen. Das ist eine rein anerzogene Sache. Nicht nur von dir, sondern von der gesamten Umwelt. Möchte mal sehen, wie Minimuck ein niedliches Ferkel sieht und sagt: „Lecker!“ – wird erstmal nicht passieren.
      Ich empfehle an dieser Stelle das in dem anderen Beitrag beschriebenen Buch von Melanie Joy zum Thema Karnismus.

      Es ist eine Sache, seine Kinder vor dem Grauen in der Welt zu bewahren. Aber wenn man es als Grauen begreift, warum sollte man seine Kinder dann Teil dieses Systems werden lassen? Warum ihnen anerziehen, dass Fleischkonsum natürlich und normal ist?

      Aber schön, dass es zum Dialog anregt, vielen Dank dafür! Wir haben da vielleicht tatsächlich andere Ansichten.
      Liebe Grüße!

  3. Ich denke, dass es sich hier um ein Thema handelt, das sehr sensibel mit Kindern behandelt werden muss. In welchem Alter das jedoch für das jeweilige Kind angebracht ist, obliegt den Eltern. Sie kennen ihr Kind am besten und können als einzige abschätzen, in wie weit ihr Kind bereit für diesen Sachverhalt ist.

    Ich stimme Jelka aber voll und ganz zu, dass ein günstiger Zeitpunkt dann gegeben ist, wenn das Kind von selber Interesse zeigt und danach fragt. Auch stimme ich Philipp zu, wenn er sagt, dass Fleischkonsum (zu einem gewissen Grad) anerzogen ist.

    Viele Kinder lernen durch Nachahmung der Eltern und wenn diese kein Fleisch essen, wird das gerade von kleinen Kindern oft nicht in Frage gestellt. Die Frage nachdem Warum wird von Ihnen gar nicht gestellt, weshalb ich sehr vorsichtig damit wäre, meiner Tochter die Grausamkeit der Nutztierhaltung ungefragt näher zu bringen. Auch ist vielen Kindern nicht bewusst, worin tierische Produkte enthalten sind, so dass es für sie nahezu unmöglich ist, diese aus eigener Kraft zu vermeiden. Das ist in sofern problematisch als das ein Kind, welches mit dem Bewusstsein aufwächst, dass Tiere für gewisse Produkte Leid erfahren, mit erheblichen Schuldgefühlen konfrontiert werden kann, wenn es unwisssentlich tierische Produkte konsumiert. Es spricht nichts dagegen ein Kind verantwortungsvoll ohne tierische Produkte zu ernähren, allerdings sollte man mit den moralisch-ethischen Aspekten des Konsums von tierischen Produkten vorsichtig sein.

    Persönlich möchte ich meiner Tochter die Möglichkeit geben sich frei zu entwickeln ohne sie in eine Nische zu drängen, die ich als lebenswert und richtig erachte. Natürlich müssen wir unsere Kinder begleiten und ihnen helfen ihren Platz in dieser Welt zu finden, aber mein Kind muss mir mit ihren Entscheidungen nicht folgen. Ich möchte ihr kein schlechtes Gewissen machen und möchte sie nicht mit den Grausamkeiten der Nutztierhaltung vertraut machen, wenn sie nicht danach fragt und ihr auch nur soweit Auskunft geben, bis ihr Wissensdurst gestillt ist und nicht mehr, immer mit Rücksicht auf ihr Alter und ihre psychische Entwicklung. Es würde auch kaum jemandem in den Sinn kommen, einem Kind zu erzählen welche Gräueltaten genau dafür verantwortlich sind, dass Menschen aus ihrer Heimat flüchten. Es würde sie erschrecken, ihnen Angst machen und sie möglicherweise traumatisieren. Solange ich mich in der jeweiligen Thematik ausreichend auskenne, fühle ich mich dazu in der Lage meiner Tochter auf sie zugeschnittene Antworten auf ihre Fragen zu geben, ob ein Buch das auch schafft, bezweifle ich.

    Trotzallem glaube ich aber, dass dieses Buch Eltern eine Hilfestellung bieten kann, wenn sie ihren Kindern die Grausamkeit der Nutztierhaltung näher bringen möchten.

    • Auch dir noch einmal herzlichen Dank für den Kommentar.
      Dass das Thema ein sehr sensibles ist, ist uns bewusst, auch wir sind ja der Meinung, dass das sicherlich kein Buch ist, welches alleine gelesen werden sollte.

      Ich möchte aber trotzdem noch auf mehrere Dinge eingehen:
      Wir Eltern fällen jeden Tag Entscheidungen für unsere Kinder, ob sie dem Kind gefallen, oder nicht.
      Das Kind darf nicht über die Straße rennen, es darf nicht an der Steckdose lecken, es darf keine anderen Kinder schlagen. Die ersten beiden dienen natürlich dem Schutz des Kindes und man würde wahrscheinlich nie darüber diskutieren müssen. Nun stellt sich die Frage nach dem Fleischkonsum. Und ich sage hier, dass man durchaus argumentieren kann, dass man sein Kind davor schützt, Teil eines grausamen Systems zu werden. Und ich sage ganz ehrlich: Unsere Tochter hat die Begründung absolut nicht gereicht, dass wir Fleisch nicht essen, weil dafür Tiere getötet werden. Sie ist 4 Jahre alt und es war ihr egal. Warum? Zum Einen, weil sie den Tod nicht begreifen kann. Zum Anderen, weil es bisher völlig normal und natürlich war, dass wir Tiere töten. War ja bisher auch kein Grund dagegen, warum also nun? Und das alleine finde ich schon pervers. Und da dieser Grund nicht gereicht hat, hat sie natürlich weiterhin gefragt – es ist ja nicht so, dass wir ihr jetzt auch von Hitler erzählen, von Stalin, von den Millionen Kindern die in Afrika sterben, von Vergewaltigern und Mördern. Und ihr entsprechende Bilder zeigen. Von sich aus sagt sie aber, dass sie Pferde nicht essen würde. Die mag sie nämlich – denn Sabrina reitet nun einmal auf einem Pferd und nicht auf einem Schwein.

      Dreh es doch um: Erzähle dem Kind jetzt, warum es bei dir zu Hause nie Fleisch essen darf. Und nur dann muss es EBEN NICHT mehr mit der Schuld beladen werden, unbewusst Tier gegessen zu haben. Unsere Tochter fragt jetzt bei jedem Produkt von sich aus, was drin ist. Hat sie vorher nicht interessiert und es ohne jegliches Bewusstsein verzehrt. Und wenn es ihr etwas ausmacht, dann isst sie es eben nicht. Aber wenn ihr euren Kindern die Entscheidungsgewalt lassen wollt: Wie sollen die Kinder entscheiden, wenn sie weder die Konsequenzen noch die Alternativen kennen? Das hat in meinen Augen eben auch nicht viel mit Freiheit zu tun.

      Ich führe noch einmal ein Beispiel von Erwachsenen an, die sich später dazu entscheiden. Setzt sich ein solcher Mensch vor z.B. Earthlings ist er auch (hoffentlich) traumatisiert. Zum Einen, weil ihm erst jetzt Bilder des Grauens auf der Welt vor Augen geführt werden. Zum Anderen, weil er eventuell schon so viele Jahre mitverantwortlich dafür war. Hier gilt es doch, zwei Übel gegeneinander aufzuwiegen: Jetzt oder später? Freiheit des Kindes hin oder her: Sollte sich unsere Tochter irgendwann mit einer Gruppe Rechts-/ Linksradikaler befreunden, werde ich intervenieren. Sollte sie anfangen, Ausländer zu beschimpfen, werde ich intervenieren. Selbstverständlich halte ich ein Wertesystem hoch, welches ich als Elternteil vertrete und auch anerziehen möchte. Und wenn ich der Meinung bin, dass Fleisch zu essen nicht nur ungesund sondern auch grausam ist, kann ich das selbstverständlich vertreten und muss mich eben nicht rechtfertigen, warum es keine Wurst zum Frühstück gibt. Dann frage ich eher nach der Rechtfertigung, warum es Wurst auf dem Frühstückstisch geben muss.

      Und darüber hinaus finde ich, dass ein gewaltiger Unterschied in der Konsequenz besteht:
      Wenn ich das System als grausam erachte, kann ich mich sicherlich dafür entscheiden, wie sehr ich von dem Leid der Tiere berichte. Ob nun mit Buch oder ohne.

      Wenn die Konsequenz dann aber ist, dass ich Fleischkonsum erlaube, finde ich es nicht richtig.
      Ich kann ja auch nicht sagen, dass man auf keinen Fall Tiere quälen soll, es mein Kind aber machen lassen. Dass man Menschen keine Gewalt antun darf, es aber bei meinem Kind tolerieren. Das passt irgendwie nicht zusammen.

      Auch finde ich, dass verkannt wird, dass nur Eltern Antworten auf Fragen liefern. Meine Tochter interessierte sich natürlich schon früher, woher bestimmte Dinge kommen. Und die Antworten, die sie ohne kritische Hinterfragung und Korrektur bekommen kann, sind oftmals schlichtweg falsch. Jeder von euch wird ein Kinderbuch mit einem Bauernhof haben, oftmals sogar das erste Bilderbuch. Dort gibt es 4-6 glücklich grasende Kühe, ein paar Hühner die frei herumlaufen und Schweine, die glücklich im Schlamm suhlen. Auf der Milchpackung ist eine frei weidende Kuh abgebildet, die selbstverständlich glücklich ist. Einige haben sogar noch die Kälber drauf abgebildet. Und bingo, da sind die Antworten auf die Fragen des Kindes – ein Buch mit verfälschter Bauernhofidylle hat meinen Job übernommen. Und die brennen sich ins Gehirn ein, stärken das System, was den eigenen Fleischkonsum rechtfertigt. Im Kopf meiner Tochter ist es natürlich völlig in Ordnung, Milch zu trinken. Denn eine Mama Muh oder Liselotte sind doch total nett und immer glücklich darüber, dass der Euter nach dem Melken nicht mehr schmerzt. Kann man hier also wirklich davon sprechen, dass wir Antworten auf UNGESTELLTE Fragen stellen? Mitnichten.

      Aber grundsätzlich ist natürlich das Thema „Wie viel Leid mute ich meinem Kind zu“ ein sehr interessantes und sicherlich nicht nur einen Beitrag wert. Ich behaupte ja auch nicht, dass meine Meinung die richtige ist. Ich werde mich auch aufgrund dieser Kommentare näher mit dem Thema befassen und sicherlich noch einmal darüber schreiben, und natürlich seid auch ihr wieder herzlich zur Diskussion eingeladen – ich freue mich über das Leben hier im Blog 😉

Kommentar verfassen