Buchrezension: Das Geheimnis der ersten neun Monate

Der entzauberte Anfang?

Der Göttinger Professor für Neurobiologie, Gerald Hüther, und die auf pränatale Psychologie spezialisierte Psychotherapeutin Ingeborg Weser werfen in ihrem Buch den Blick auf eines der größten Geheimnisse der Menschheit: Den Anfang des menschlichen Lebens. Wer dem verheißungsvollen Titel des Buches anfänglich ebenso skeptisch gegenüber steht wie ich, wird von den Autor*innen schnell beruhigt. Das Geheimnis wird zwar ein wenig gelüftet, jedoch nicht vollends verraten (wer könnte dies auch):

„Wir wollen zeigen, dass das Geheimnis der ersten neun Monate im Leben eines Menschen seinen Zauber nicht verliert, wenn man es zu verstehen beginnt.“ (S. 21)

In diesem Sinne werden die Leser*innen eingeladen zu einer Entdeckungsreise in das verhältnismäßig unentdeckte Land der pränatalen Welt. Genauer gesagt sind es sogar zwei Reiserouten bzw. zwei Perspektiven die erkundet werden: Denn analog zum Geburtsgeschehen – infolgedessen nicht nur ein Kind, sondern auch eine Mutter und ein Vater geboren werden – wird in dem Buch nicht nur die Reise des ungeborenen Kindes charakterisiert (Teil I), sondern auch die Reise der werdenden Eltern (Teil II).

Auf informative und zugleich einfühlsame Weise wird im ersten Teil des Buches die Entwicklung des ungeborenen Kindes vom Zeitpunkt der Befruchtung dargestellt. Als besonders gelungen empfinde ich dabei den Sprachstil, da dieser weder zu wissenschaftlich, noch zu esoterisch anmutet. So empfinden die Autor*innen es geradezu als respektlos, die erste Zellformation des Menschen als bloßen „Zellhaufen“ zu benennen und bevorzugen die Bezeichnung „kleiner Organismus“, welcher bereits eine „besondere Ausgestaltung eines menschlichen Lebewesens“ (S. 63) darstellt.

Zugleich wird in jedem Kapitel mit bestehenden Vorurteilen bzw. Ammenmärchen aufgeräumt, auf der Grundlage aktueller neurobiologischer Erkenntnisse. So stellen die Autor*innen mehrfach deutlich heraus, dass es nicht gleichgültig ist, was während der ersten neun Monate im Mutterleib und somit auch mit der Mutter (und ihrem Umfeld) geschieht, denn:

  • Die vorgeburtliche Entwicklung wird weitgehend nicht durch genetische Programme gesteuert (S. 141).
  • Die verschmolzenen DNA-Sequenzen der Mutter und des Vaters legen nur ein Spektrum von Optionen fest – frei nach dem Motto: „Nicht alles ist möglich, aber…“. Was aus diesen Anlagen schließlich wird, hängt von den Bedingungen im Mutterleib ab (S. 142).
  • Die Bedingungen im Mutterleib wiederum sind nicht „gottgegeben“ (S. 142), sondern konkret davon abhängig, wie es der werdenden Mutter geht – und zwar sowohl emotional (nimmt sie ihre Situation beispielsweise als belastend oder unbeschwert freudig wahr), als auch körperlich (konsumiert sie beispielsweise Nikotin, Alkohol, Medikamente etc.).
  • Das Kind lernt während der Zeit im Mutterleib „vermutlich weitaus mehr, als im Verlauf seines gesamten späteren Lebens.“ (S. 142 und S. 99-131)

In diesem Zusammenhang wird ausführlich darauf hingewiesen, dass der Partner oder die Partnerin bzw. die engen Vertrauten der Schwangeren ebenfalls einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Ungeborenen haben, da diese Menschen von Anfang an „Teil der emotionalen Matrix“ sind, in welcher sich das Kind entwickelt (S. 47).

Der zweite Teil des Buches hingegen „Wenn Eltern geboren werden…“ (S. 157f), erscheint mir im Gegensatz zum ersten allerdings weniger als eine kontinuierliche Reise, sondern vielmehr als eine Sammlung von Reisenotizen, die eher einer losen Blattsammlung ähnelt. Dieser Umstand ist womöglich der Tatsache geschuldet, dass die einzelnen Kapitel von vielen unterschiedlichen Autor*innen bzw. Expert*innen verfasst wurden, die leider wenig Bezug aufeinander nehmen. Die Themen der einzelnen Beiträge sind zwar durchaus wichtig und richtig platziert (z.B. Ängste in der Schwangerschaft, vorgeburtliche Diagnostik, Eltern sein und Paar bleiben, etc.), wirken jedoch teilweise etwas konturlos aneinandergereiht – zumindest, wenn man das Buch als Ganzes liest. An dieser Stelle hätte ich mir etwas mehr Dialog gewünscht.

Für wen ist dieses Buch also geeignet bzw. ist es lesenswert? Ganz grundsätzlich: Ja, ich empfinde dieses Werk als unbedingt lesenswert für all jene, die sich für die Entstehung des menschlichen Lebens interessieren (in welchem Kontext auch immer). Vor allem der erste Teil erfüllt eine nahezu aufklärerische Funktion. Allerdings möchte ich eine große Zielgruppe, nämlich die schwangeren Frauen (zu denen ich momentan selbst zähle), vorwarnen: Die Lektüre dieses Buches könnte im schlechtesten Fall Schuldgefühle in der werdenden Mutter hervorrufen. Nämlich dann, wenn die Schwangere, aufgrund ihrer eigenen emotionalen oder körperlichen Situation, beginnt sich den Vorwurf zu machen, die Entwicklung ihres Kindes negativ zu beeinflussen. Im besten Fall jedoch, genießt sie ihre Schwangerschaft und erfreut sich an der Perspektive, dass sie guter Hoffnung schon vor der Geburt ihr Kind ins Leben begleitet.

 

Gerald Hüther & Ingeborg Weser: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Reise ins Leben, Verlagsgruppe Beltz, Weinheim 2015, 247 S.

Affiliate-Link:

Kommentar verfassen